Deutsche Schachgeschichte 1880-1950: Das goldene Zeitalter
Von der Kaiserzeit bis zur Emigration: Deutschland war zwischen 1880 und 1933 das Zentrum der Schachwelt. Drei Weltmeister, unzählige Meisterturniere und eine lebendige Schachkultur prägten diese Epoche.
Deutschland als Schachnation
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Deutschland zum Epizentrum des internationalen Schachs. Die Tradition reichte zurück zu Adolf Anderssen, dem „Altmeister" aus Breslau, der mit seinen brillanten Kombinationen wie der „Unsterblichen Partie" (1851) und der „Immergrünen Partie" (1852) weltweite Berühmtheit erlangte.
Was folgte, war eine beispiellose Blütezeit: Wilhelm Steinitz (geboren in Prag, damals Österreich-Ungarn, später in Deutschland aktiv) wurde 1886 der erste offizielle Schachweltmeister. Emanuel Lasker aus Brandenburg hielt den Weltmeistertitel von 1894 bis 1921 – bis heute der längste Zeitraum in der Schachgeschichte. Und auch wenn Siegbert Tarrasch nie Weltmeister wurde, galt er um 1900 als „Praeceptor Germaniae" (Lehrmeister Deutschlands) und prägte mit seinen theoretischen Werken Generationen von Schachspielern.
Jacques Mieses: Protagonist einer Ära
In dieser glanzvollen Epoche war Jacques Mieses (1865-1954) eine zentrale Figur. Geboren in Leipzig, verkörperte er die romantische Schachschule des 19. Jahrhunderts mit ihrer Angriffslust und Kombinationsfreude. Seine Karriere von 1888 bis 1948 – 60 Jahre aktives Turnierschach – umspannte praktisch die gesamte Periode des deutschen Schachglanzes.
Mieses spielte gegen alle großen Namen seiner Zeit: Steinitz, Lasker, Tarrasch, Capablanca, Aljechin. Sein größter Turniererfolg war der Sieg beim ersten Trebitsch-Memorial 1907 in Wien. Als Autor betreute er über 50 Jahre lang das „Lehrbuch des Schachspiels" und schrieb Schachspalten für führende Zeitungen wie das Berliner Tageblatt.
Die großen Turniere
Hastings 1895
Das Turnier von Hastings 1895 markierte einen Wendepunkt in der Schachgeschichte. Der junge Emanuel Lasker, gerade ein Jahr Weltmeister, gewann vor Steinitz, Tarrasch und Pillsbury. Jacques Mieses nahm ebenfalls teil und zeigte mit spektakulären Angriffspartien sein Können. Das Turnier demonstrierte die Dominanz der deutschen Schachschule.
Wien und Berlin
Wien war neben Berlin ein Zentrum des Schachlebens. Das Café Central wurde zum legendären Treffpunkt der Schachmeister. Hier trafen sich Mieses, Tarrasch, Schlechter und viele andere zu Partien und Diskussionen. Die Wiener Schachturniere, insbesondere das Trebitsch-Memorial ab 1907, zogen die Elite der Schachwelt an.
In Berlin fanden ebenfalls bedeutende Turniere statt. Die Stadt war Heimat des Deutschen Schachbundes und Sitz der einflussreichen Deutschen Schachzeitung. Mieses gewann hier bereits 1882 mit 17 Jahren die Stadtmeisterschaft.
Der Bruch von 1933
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 bedeutete das abrupte Ende des goldenen Zeitalters. Jüdische Schachmeister wurden aus Vereinen und vom Turnierbetrieb ausgeschlossen. Viele mussten emigrieren:
- Emanuel Lasker floh 1933 zunächst nach England, später in die USA und die Sowjetunion
- Jacques Mieses emigrierte 1938 nach der Reichspogromnacht nach England
- Siegbert Tarrasch starb 1934 in München, bevor die Verfolgung ihren Höhepunkt erreichte
- Zahlreiche weitere Meister wie Ludwig Engels, Erich Cohn und Paul Saladin Leonhardt mussten Deutschland verlassen
Jacques Mieses verließ Deutschland im Alter von 73 Jahren mit nur 15 Reichsmark in der Tasche. In England setzte er seine Karriere fort und wurde 1950 als ältester Spieler zum FIDE-Großmeister ernannt – technisch gesehen der erste britische Großmeister.
Das Erbe
Die deutsche Schachgeschichte von 1880 bis 1950 ist eine Geschichte von Glanz und Tragödie. Die theoretischen Grundlagen, die Lasker, Tarrasch und andere legten, prägen das Schach bis heute. Die Eröffnungen, die in dieser Zeit entwickelt wurden – von der Mieses-Eröffnung bis zu Tarrasch-Varianten – sind noch immer Teil des modernen Repertoires.
Gleichzeitig mahnt diese Epoche, wie politische Verfolgung eine blühende Kultur zerstören kann. Die Emigration der jüdischen Schachmeister bedeutete nicht nur einen Verlust für Deutschland, sondern einen Bruch in der Kontinuität einer großen Tradition.
- 1886: Steinitz wird 1. Weltmeister
- 1894: Lasker gewinnt WM-Titel
- 1895: Turnier Hastings
- 1907: Mieses gewinnt Trebitsch-Memorial
- 1921: Lasker verliert WM-Titel
- 1933: Beginn der Verfolgung
- 1938: Reichspogromnacht, Emigrationswelle
-
Wilhelm Steinitz
1886-1894 (8 Jahre) -
Emanuel Lasker
1894-1921 (27 Jahre)