Wettkämpfe
Über sechs Jahrzehnte hinweg bestritt Jacques Mieses mehr als 20 Wettkämpfe gegen die stärksten Spieler seiner Zeit – von Emanuel Lasker bis Vera Menchik. Diese Duelle, oft über mehrere Wochen ausgespielt, waren die Königsdisziplin des Schachs und forderten nicht nur spielerisches Können, sondern auch psychologische Stärke und Ausdauer.
Stuttgart · Gewonnen +2 =1 -0
Ein Novum in der Schachgeschichte: das erste Match zweier international anerkannter Meister ohne Ansicht des Brettes. Im Königsbau zu Stuttgart spielten Mieses und Schlechter an drei Abenden je eine ernste Partie blind — und Mieses gewann, obwohl Schlechter ein Jahr später Lasker um die Weltmeisterschaft herausfordern sollte. Alle drei Partien eröffnete Mieses mit seiner Skandinavischen Verteidigung. „Noch nie haben in dieser Weise zwei bekannte Meister ihre Kräfte miteinander gemessen", schrieb Mieses selbst im Stuttgarter Neuen Tagesblatt.
DetailsLeipzig · Verloren +0 =3 -5
Acht Partien in der Centralhalle zu Leipzig, vom 30. Dezember 1889 bis zum 6. Januar 1890. Mieses hatte den Wettkampf selbst angeregt und Lasker aus Berlin nach Leipzig eingeladen; gespielt wurde um 450 Mark, Sieger sollte sein, wer zuerst fünf Partien gewann. Lasker, der ein halbes Jahr zuvor in Breslau das Hauptturnier gewonnen hatte, erreichte die fünf Siege ohne eine einzige Niederlage. Die Anmerkungen des Deutschen Wochenschachs zeigen allerdings, dass Mieses in zwei seiner vier Weißpartien auf Gewinn stand.
DetailsAkiba Rubinstein, 1909
Berlin · Verloren +3 =2 -5
Das dramatischste Match! Mieses gewann die ersten drei Partien – es waren Rubinsteins einzige Niederlagen des gesamten Jahres 1909! Obwohl Rubinstein sich erholte und das Match noch gewann, demonstrierte Mieses, dass er selbst gegen die absolute Weltspitze brillieren konnte. Ein Triumph des Angriffsspiels gegen den Meister der Positionsstrategie.
Berlin · Verloren +2 =4 -7
Ein Match unter Kriegsbedingungen. Die beiden kannten sich seit den 1880er Jahren und verkörperten unterschiedliche Schachphilosophien: Tarrasch die klassische Schule, Mieses die romantische. Der Preis – ein halbes Pfund Butter – zeigt die Entbehrungen der Zeit. Trotz der Niederlage ein Zeugnis der Leidenschaft für das Spiel inmitten des Weltkriegs.
Zum WettkampfLondon · Verloren +1 =5 -4
Das erste ernsthafte Schachmatch zwischen einer Frau und einem Großmeister. Mit 77 Jahren trat Mieses gegen die amtierende Frauen-Weltmeisterin Vera Menchik an, sechsunddreißig Jahre jünger und seit 1927 ungeschlagene Titelhalterin. Endstand 6½:3½ für Menchik. Mieses spielte einen Teil des Matches unter einer schmerzhaften körperlichen Indisposition; er würdigte seine Gegnerin nach Match-Ende öffentlich in seiner Schach-Kolumne der Londoner Zeitung. Zwei Jahre später, am 27. Juni 1944, traf eine deutsche V-1-Rakete Menchiks Haus in Clapham und tötete sie zusammen mit ihrer Mutter und Schwester.
Match-DetailsGerald Abrahams, 1945
Glossop · Gewonnen 4½–1½
Mit achtzig Jahren besiegte Mieses einen der stärksten englischen Spieler seiner Zeit. Abrahams, Rechtsanwalt aus Liverpool, Erfinder der Abrahams-Noteboom-Variante und selbst ein brillanter Taktiker, hatte Mieses sechs Jahre zuvor in Bournemouth geschlagen, wobei Mieses fünfmal ein Remis ablehnte. Nun die Revanche: sechs Partien in der Kleinstadt Glossop, deutlicher Sieg für den Achtzigjährigen. Wenige Wochen später gewann Mieses in Hastings seinen berühmten Schönheitspreis.
José Raúl Capablanca, 1913
Berlin · Verloren +0 =0 -2
Auf seiner Europa-Tournee 1913 spielte Capablanca im Kerkau-Palast in der Behrenstraße ein Mini-Match aus zwei Partien gegen Mieses. Beide Partien gewann der kubanische Diplomat. Bemerkenswert ist die zweite Partie, in der Capablanca die Qualität verlor und sich technisch zurück ins Spiel arbeitete. Zu seinem dreizehnten Zug notierte er später: „This is a serious mistake." Drei Jahre später kehrte Mieses an dieselbe Adresse zurück, diesmal für das Match gegen Tarrasch.
Alle Wettkämpfe im Überblick
| Jahr | Gegner | Ort | Ergebnis | Score | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|---|
| 1889/90 | Emanuel Lasker | Centralhalle, Leipzig | Verloren | +0 =3 -5 | Von Mieses herausgefordert; Einsatz 450 Mark, Sieger war, wer zuerst fünf Partien gewann. Lasker wurde später Weltmeister |
| 1894 | Carl Walbrodt | Berlin | Unentschieden | +5 =3 -5 | |
| 1895 | Dawid Janowski | Café de la Régence, Paris | Unentschieden | +6 =2 -6 | Vierzehn Partien; Mieses glich in der Schlusspartie zum 6:6 aus, danach einvernehmliches Wettkampf-Remis |
| 1895 | Jean Taubenhaus | Glasgow | Gewonnen | +3 =0 -2 | Sieg über den Pariser Meister |
| 1895 | Richard Teichmann | London | Verloren | +1 =1 -4 | Erstes Match gegen Teichmann |
| 1897 | Horatio Caro | – | Unentschieden | – | Caro der „Caro-Kann-Verteidigung" |
| 1905 | Paul Leonhardt | – | Gewonnen | – | |
| 1908 | Frank Marshall | Café Kerkau, Berlin | Verloren | +4 =1 -5 | Mieses führte nach 8 Partien 4½–3½, verlor dann beide Schlusspartien |
| 1909 | Akiba Rubinstein | Berlin | Verloren | +3 =2 -5 | Mieses gewann sensationell die ersten 3 Partien – Rubinsteins einzige Niederlagen des Jahres |
| 1909 | Carl Schlechter | Stuttgart | Gewonnen | +2 =1 -0 | Blindschach! Erstes Match zweier Meister ohne Ansicht des Brettes. Alle 3 Partien mit der Skandinavischen |
| 1910 | Rudolf Spielmann | Regensburg | Verloren | +1 =2 -5 | Gegen den Meister des Opferspiels; Mieses gewann nur eine der acht Partien |
| 1910 | Richard Teichmann | Berlin | Verloren | +0 =2 -5 | Zweites Match gegen Teichmann, fünfzehn Jahre nach dem ersten. Schwere Niederlage. |
| 1913 | José Raúl Capablanca | Berlin (Kerkau-Palast) | Verloren | +0 =0 -2 | Mini-Match während Capablancas Europa-Tournee. Dieselbe Spielstätte wie das spätere Tarrasch-Match 1916. |
| 1916 | Siegbert Tarrasch | Café Kerkau, Berlin | Verloren | +2 =4 -7 | Der letzte große deutsche Schachwettkampf des Ersten Weltkriegs; Preis: ein halbes Pfund Butter; Schiedsrichter: Lasker |
| 1942 | Vera Menchik | London | Verloren | +1 =5 -4 | Gegen die Damenweltmeisterin; Mieses war 77 Jahre alt |
| 1945 | Gerald Abrahams | Glossop | Gewonnen | 4½–1½ (6 Partien) | Mit 80 Jahren! Revanche für Bournemouth 1939. Abrahams galt nach Blackpool als einer der besten englischen Spieler |
| 1946 | Arturo Pomar | London | Verloren | +0 =1 -1 | Zwei Partien zu Jahresbeginn gegen den vierzehnjährigen spanischen Wunderknaben – 66 Jahre Altersunterschied. Überliefert durch D. J. Morgans Rückblick im British Chess Magazine 1976. |
| 1946 | Willem Schelfhout | Amsterdam | Unentschieden | +0 =4 -0 | Ersatzwettkampf im Sommer: Für einen Wettkampf über sechs Partien gegen einen Amsterdamer Amateur waren bereits 250 Gulden gesammelt; er scheiterte kurz vor Beginn an dessen Geldforderungen. Schelfhout sprang ein – Schachredakteur von De Telegraaf und seit 1925 Bearbeiter der niederländischen Fassung von Mieses' Schachlotse. |
Wettkämpfe vs. Turniere
Während Turniere mehrere Spieler über wenige Runden zusammenführten, waren Wettkämpfe intensive Duelle zwischen zwei Meistern über viele Partien. Sie erforderten tiefe Vorbereitung auf den spezifischen Gegner und psychologische Ausdauer. Für Mieses waren sie eine Gelegenheit, seinen angriffsfreudigen Stil über mehrere Partien hinweg zu entfalten.
Statistik
Von seinen über 20 dokumentierten Wettkämpfen gewann Mieses etwa ein Drittel, verlor die Hälfte und spielte mehrere unentschieden. Seine Gegner lesen sich wie ein Who's Who des Schachs: Lasker, Rubinstein, Tarrasch, Janowski, Schlechter – allesamt Weltklassespieler. Dass Mieses noch mit 80 Jahren einen Wettkampf gewann, unterstreicht seine außergewöhnliche Langlebigkeit.
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