Wettkämpfe
Über sechs Jahrzehnte hinweg bestritt Jacques Mieses mehr als 20 Wettkämpfe gegen die stärksten Spieler seiner Zeit – von Emanuel Lasker bis Vera Menchik. Diese Duelle, oft über mehrere Wochen ausgespielt, waren die Königsdisziplin des Schachs und forderten nicht nur spielerisches Können, sondern auch psychologische Stärke und Ausdauer.
Carl Schlechter, 1909
Stuttgart · Gewonnen +2 =1 -0
Ein Novum in der Schachgeschichte: das erste Match zweier international anerkannter Meister ohne Ansicht des Brettes. Im Königsbau zu Stuttgart spielten Mieses und Schlechter an drei Abenden je eine ernste Partie blind — und Mieses gewann, obwohl Schlechter ein Jahr später Lasker um die Weltmeisterschaft herausfordern sollte. Alle drei Partien eröffnete Mieses mit seiner Skandinavischen Verteidigung. „Noch nie haben in dieser Weise zwei bekannte Meister ihre Kräfte miteinander gemessen", schrieb Mieses selbst im Stuttgarter Neuen Tagesblatt.
Emanuel Lasker, 1889
Leipzig · Verloren +0 =3 -5
Beide waren Anfang zwanzig, beide aus Leipzig – doch Lasker gewann deutlich und wurde später der zweite Weltmeister. Dieses frühe Aufeinandertreffen zeigt Mieses' Zugehörigkeit zur absoluten Weltelite seiner Jugend. Es war das Duell zweier aufstrebender Talente, die unterschiedliche Wege gehen sollten.
Akiba Rubinstein, 1909
Berlin · Verloren +3 =2 -5
Das dramatischste Match! Mieses gewann die ersten drei Partien – es waren Rubinsteins einzige Niederlagen des gesamten Jahres 1909! Obwohl Rubinstein sich erholte und das Match noch gewann, demonstrierte Mieses, dass er selbst gegen die absolute Weltspitze brillieren konnte. Ein Triumph des Angriffsspiels gegen den Meister der Positionsstrategie.
Berlin · Verloren +2 =4 -7
Ein Match unter Kriegsbedingungen. Die beiden kannten sich seit den 1880er Jahren und verkörperten unterschiedliche Schachphilosophien: Tarrasch die klassische Schule, Mieses die romantische. Der Preis – ein halbes Pfund Butter – zeigt die Entbehrungen der Zeit. Trotz der Niederlage ein Zeugnis der Leidenschaft für das Spiel inmitten des Weltkriegs.
Zum WettkampfVera Menchik, 1942
London · Verloren +1 =5 -4
Mit 77 Jahren trat Mieses gegen die amtierende Damenweltmeisterin an. Das Match endete knapp zugunsten von Menchik – ein Beweis für Mieses' ungebrochene Spielstärke im hohen Alter. Menchik, die stärkste Spielerin ihrer Zeit, hatte bereits zahlreiche männliche Meister besiegt. Dass Mieses mit über 75 Jahren noch ein ausgeglichenes Match lieferte, war bemerkenswert.
Gerald Abrahams, 1945
Glossop · Gewonnen 4½–1½
Mit achtzig Jahren besiegte Mieses einen der stärksten englischen Spieler seiner Zeit. Abrahams, Rechtsanwalt aus Liverpool, Erfinder der Abrahams-Noteboom-Variante und selbst ein brillanter Taktiker, hatte Mieses sechs Jahre zuvor in Bournemouth geschlagen, wobei Mieses fünfmal ein Remis ablehnte. Nun die Revanche: sechs Partien in der Kleinstadt Glossop, deutlicher Sieg für den Achtzigjährigen. Wenige Wochen später gewann Mieses in Hastings seinen berühmten Schönheitspreis.
Alle Wettkämpfe im Überblick
| Jahr | Gegner | Ort | Ergebnis | Score | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|---|
| 1889 | Emanuel Lasker | Leipzig | Verloren | +0 =3 -5 | Duell zweier 24-Jähriger; Lasker wurde später Weltmeister |
| 1894 | Carl Walbrodt | Berlin | Unentschieden | +5 =3 -5 | |
| 1895 | David Janowski | Paris | Unentschieden | +6 =0 -6 | Dramatisches Match ohne Remis |
| 1895 | Jean Taubenhaus | Glasgow | Gewonnen | +3 =0 -2 | Sieg über den Pariser Meister |
| 1895 | Richard Teichmann | London | Verloren | +1 =1 -4 | Erstes Match gegen Teichmann |
| 1904 | Richard Teichmann | London | Verloren | +1 =1 -4 | Zweites Match gegen Teichmann, neun Jahre nach dem ersten |
| 1897 | Horatio Caro | – | Unentschieden | – | Caro der „Caro-Kann-Verteidigung" |
| 1905 | Paul Leonhardt | – | Gewonnen | – | |
| 1908 | Frank Marshall | Café Kerkau, Berlin | Verloren | +4 =1 -5 | Mieses führte nach 8 Partien 4½–3½, verlor dann beide Schlusspartien |
| ~1905–1912 | Rudolf Spielmann | ? | Verloren | ? | Gegen den Meister des Opferspiels; genaue Details werden noch recherchiert |
| 1909 | Akiba Rubinstein | Berlin | Verloren | +3 =2 -5 | Mieses gewann sensationell die ersten 3 Partien – Rubinsteins einzige Niederlagen des Jahres |
| 1909 | Carl Schlechter | Stuttgart | Gewonnen | +2 =1 -0 | Blindschach! Erstes Match zweier Meister ohne Ansicht des Brettes. Alle 3 Partien mit der Skandinavischen |
| 1916 | Siegbert Tarrasch | Café Kerkau, Berlin | Verloren | +2 =4 -7 | Der letzte große deutsche Schachwettkampf des Ersten Weltkriegs; Preis: ein halbes Pfund Butter; Schiedsrichter: Lasker |
| 1942 | Vera Menchik | London | Verloren | +1 =5 -4 | Gegen die Damenweltmeisterin; Mieses war 77 Jahre alt |
| 1945 | Gerald Abrahams | Glossop | Gewonnen | 4½–1½ (6 Partien) | Mit 80 Jahren! Revanche für Bournemouth 1939. Abrahams galt nach Blackpool als einer der besten englischen Spieler |
Wettkämpfe vs. Turniere
Während Turniere mehrere Spieler über wenige Runden zusammenführten, waren Wettkämpfe intensive Duelle zwischen zwei Meistern über viele Partien. Sie erforderten tiefe Vorbereitung auf den spezifischen Gegner und psychologische Ausdauer. Für Mieses waren sie eine Gelegenheit, seinen angriffsfreudigen Stil über mehrere Partien hinweg zu entfalten.
Statistik
Von seinen über 20 dokumentierten Wettkämpfen gewann Mieses etwa ein Drittel, verlor die Hälfte und spielte mehrere unentschieden. Seine Gegner lesen sich wie ein Who's Who des Schachs: Lasker, Rubinstein, Tarrasch, Janowski, Schlechter – allesamt Weltklassespieler. Dass Mieses noch mit 80 Jahren einen Wettkampf gewann, unterstreicht seine außergewöhnliche Langlebigkeit.
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