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Anekdoten über Jacques Mieses | Zitate & Geschichten

Anekdoten & Episoden

Jacques Mieses war nicht nur ein brillanter Schachspieler, sondern auch für seinen scharfen Witz und seine Schlagfertigkeit bekannt. Diese Anekdoten zeigen den Menschen hinter dem Meister – humorvoll, kämpferisch und unverwüstlich bis ins hohe Alter.

Witz & Schlagfertigkeit

„Patzer yourself!"

London, Simultanvorstellung

Bei einer Simultanvorstellung in London ereignete sich folgender Zwischenfall: Einer seiner Gegner meinte, keinen Stein mehr ziehen zu können und erklärte gegenüber dem Meister voller Stolz: „Patt, Sir!"

Mieses blickte einen Augenblick auf das Brett und konterte lächelnd: „Oh, nein, Sir – der Patzer sind Sie!" Dabei wies er auf das freie Feld, das dem feindlichen König noch zugänglich war.

„No, I am Meister Mieses!"

New York, Turnier

Als Jacques Mieses ein Turnier in New York spielte, wurde er von einem Amerikaner, der seinen Namen falsch aussprach, gefragt: „Are you Mister Meises?"

Mieses antwortete schlagfertig: „No, I am Meister Mieses!"

Galgenhumor

„Ich war am Zug"

Leipzig 1937 Straßenbahnunfall

Mieses wurde von einer Straßenbahn erfasst und schwer verletzt. Der Unfall war so schwer, dass in Kemeri die Falschmeldung seines Todes kursierte. Fast ein Jahr musste er im Krankenhaus verbringen und behielt eine Gehbehinderung zurück.

Auf die Frage, was geschehen sei, antwortete er später lakonisch: „Ich war am Zug.“

„Überfahren von einer Leiche“

Wien 1903

Isidor Gunsberg hatte bis dahin das Wiener Turnier 1903 sehr schlecht gespielt und galt als chancenlos. Nach seiner überraschenden Niederlage gegen den bis dahin erfolglosen Gunsberg kommentierte Mieses bitter:

„Es ist schlimm genug, überfahren zu werden, aber von einer Leiche überfahren zu werden, ist entsetzlich.“

Krawattenjagd in Liverpool
Liverpool Congress 1923

Beim Liverpool Congress 1923, wo Mieses den ersten Platz vor Maróczy belegte, unternahm er eines Morgens mit einem Schachfreund einen Spaziergang durch die Dale Street.

Was als einfacher Spaziergang begann, entwickelte sich zu einer regelrechten Krawattenjagd. Mieses wählte eine feine Auswahl an Krawatten aus, um sie nach Deutschland mitzunehmen – ein Deutschland, das sich gerade von den Nachkriegskrisen erholte.

Der Begleiter beschrieb Mieses als höflichen und kultivierten Mann, präzise in der Sprache und mit etwas Militärischem in seiner Haltung – ein Gentleman der alten Schule.

Besuch in Camden Town 1939
London 1939 Nach der Emigration

1939 besuchte ein Schachfreund Mieses an einem Sonntagmorgen in seiner Unterkunft in Camden Town, nachdem er von seinem Aufenthaltsort erfahren hatte.

Sie wurden zurückhaltend von einem schwer gehbehinderten Mieses empfangen, der kurz zuvor unter großen Schwierigkeiten Deutschland verlassen hatte. Die Gehbehinderung war eine Spätfolge des Leipziger Straßenbahnunfalls 1937.

Trotz seiner körperlichen Einschränkungen und der traumatischen Flucht aus Nazi-Deutschland behielt Mieses seinen Lebensmut und spielte weiterhin Schach.

Über Zeitgenossen

Lasker und Capablanca: Klares Wasser mit Gift
ca. 1920er Jahre

Mieses kannte beide Weltmeister persönlich und äußerte sich über ihre unterschiedlichen Spielstile:

„Laskers Stil ist klares Wasser, aber mit einem Tropfen Gift, der es trübt. Capablancas Stil ist vielleicht noch klarer, aber es fehlt ihm dieser Tropfen Gift.“

Der ewige Kämpfer

Brillanzpreis mit 80 Jahren
Hastings 1946

Noch als 80-Jähriger bekam Mieses 1946 in Hastings für seine Partie gegen Christoffel einen Schönheitspreis. → Zur Partie

Doch um sein tägliches Brot zu verdienen, musste Mieses noch bis ins hohe Alter weiterspielen und Simultanvorstellungen geben.

Der Stuhl-Träger von Verviers
Belgien, 1947 82 Jahre alt

Mit 82 Jahren gab Mieses noch eine Simultanvorstellung im belgischen Verviers. Dabei war er aber schon so schwach auf den Beinen, dass ihm ein Schachfreund einen Stuhl nachtragen musste, damit sich der Altmeister bei seinen Zügen setzen konnte.

„Die Jugend hat triumphiert!"
Stockholm 1948 83 vs. 84 Jahre

In seinem letzten Turnier in Stockholm 1948 wollte es der Zufall, dass der 83-jährige Mieses – er wurde Dritter – gegen den 84-jährigen Holländer Dirk van Foreest spielen musste.

Mieses gewann und meinte verschmitzt: „Die Jugend hat triumphiert!"

Lebensweisheiten & späte Jahre

„Die Gefahrenzone überschritten"
80. Geburtstag, 1945

Anlässlich seines 80. Geburtstages gab man ihm zu Ehren ein kleines Fest. Als Mieses dann seine Dankesrede hielt, schloss er sie mit einem launigen Bonmot:

„Wie ja statistisch erwiesen ist, sterben die meisten Menschen zwischen dem sechzigsten und achtzigsten Lebensjahr. Da ich ja nun diese Gefahrenzone überschritten habe, brauche ich mir ja wohl keine Sorgen mehr zu machen."

Der verschwundene Springer
Hastings 1949/50 Letztes Turnier

Sein letztes Turnier spielte er 1949/50 in Hastings. Dabei kam es zu folgendem tragisch-komischen Vorfall:

Nachdem er mit seinem Springer den feindlichen Läufer schlug, legte er beide Figuren – also den Läufer und seinen eigenen Springer – in die Schachtel. Verwirrt fragte er: „Nun habe ich eine Figur verloren, aber wie?"

Es kostete den Turnierleiter viel Mühe, Mieses davon zu überzeugen, seinen Springer wieder einzusetzen.

Totgesagte leben länger

„Ich war am Zug"
Leipzig 1937 Straßenbahnunfall

Mieses wurde von einer Straßenbahn erfasst und schwer verletzt. Der Unfall war so schwer, dass in Kemeri die Falschmeldung seines Todes kursierte. Fast ein Jahr musste er im Krankenhaus verbringen und behielt eine Gehbehinderung zurück.

Auf die Frage, was geschehen sei, antwortete er später lakonisch: „Ich war am Zug.“

Die Falschmeldung von Kemeri
Kemeri (Lettland) 1937

Als sich 1937 im lettischen Kemeri die Weltelite zum großen internationalen Turnier traf, machte eine betrübliche Mitteilung die Runde: „Jacques Mieses ist tot!"

Doch wie der Volksmund schon sagt: „Totgesagte leben länger" – so traf dies auch auf Mieses zu. Zwar hatte er einen bösen Autounfall erlitten, musste fast ein Jahr im Krankenhaus verbringen und behielt eine Gehbehinderung zurück.

Aber so schnell ließ er sich nicht unterkriegen: Auch später benutzte er nie einen Krückstock als Gehhilfe, sondern zwang sich dazu, sein Leiden zu kaschieren.

Zur Todesmeldung selbst meinte er später mit Sarkasmus, dass diese doch wohl zumindest „stark übertrieben" war.

Der eigene Nachruf: Mieses sagte später, er sei einer der wenigen Menschen, die ihren eigenen Nachruf gelesen hätten. Er war erstaunt über den wunderbaren Mann, der er gewesen sei.

Aus den Familienbriefen (1947–1952)

Die 23 Briefe, die Mieses zwischen 1934 und 1952 an seine Familie in Buenos Aires schrieb, zeigen den Menschen hinter dem Meister – humorvoll, selbstironisch und unverwüstlich bis ins hohe Alter.

Der Schönheitspreis und die Lady Chess Clubs
Hastings 1948/49

Mit 84 Jahren gewinnt Mieses in Hastings einen Brilliancy Prize – auf Deutsch: einen „Schönheitspreis“. Darüber schreibt er seiner Familie:

„Von der Tatsache, dass ein 84jähriger Schachmeister fortgesetzt Schönheitspreise gewinnt, hat man natürlich in scherzhafter Weise Kenntnis genommen, wobei das naheliegende Scherzwort kursierte, dass Lady chess clubs ein nicht nur schachliches Interesse an meiner Person nehmen dürften.“

Das Regenwurm-Geschäft
London 1951

Nach 8½ Monaten Dauerregen sind in England die Regenwürmer ertrunken – eine Katastrophe für die Landwirtschaft. „Hausse“ im Regenwurmhandel: 500 Stück für 3 Pfund Sterling.

Mieses schlägt seinem Neffen Walter ein gemeinsames Import-Geschäft vor: „Du beteiligst mich mit 50%, nicht wahr?“

Er schließt: „Diesen Brief könnt Ihr Euch aufheben. Einen solchen bekommt Ihr so bald nicht wieder.“

Kaviar muss erstklassig sein
London 1948

Trotz Rationierung und bescheidenem Leben ist Mieses bei „Zerstreuungen“ anspruchsvoll. Das Leben in London sei „höchst stumpfsinnig“, schreibt er.

„Wenn ich schon Kaviar esse, dann muss es ein erstklassiger sein.“

Mit meinen griechischen Kenntnissen protzen
London 1949

Mieses zitiert in einem Brief die griechische Mythologie (Kadmos) und kommentiert selbstironisch:

„Eine so günstige Gelegenheit, mit meinen griechischen Kenntnissen zu protzen, werde ich mir doch nicht entgehen lassen!“

Die Arzt-Diagnose
London 1951

Der Arzt diagnostiziert den 86-jährigen Mieses:

„Zurzeit besteht Ihre einzige Lebensgefahr in Ihrem hohen Alter.“

Mieses kommentiert: „Sehr schön und beruhigend, aber einen rechtzeitigen Kontrakt mit der Vorsehung habe ich leider doch versäumt. Darüber kann mich auch der Arzt nicht hinwegtäuschen.“

Das Gehirn – das Beste an mir
London 1951

Mieses analysiert seinen eigenen geistigen Verfall mit derselben Präzision wie eine Schachpartie:

„Von allen Organen meines Körpers ist das Gehirn dasjenige, mit dem ich am wenigsten zufrieden bin. Und das war doch ehemals noch verhältnismäßig das Beste an mir!“

Sic transit gloria mundi.

Der geborene Feuilletonist
Leipzig 1894 / London 1951

Zwei Zeugnisse über Mieses' schriftstellerisches Talent:

„Hebt ihn Euch auf, als ein Kuriosum“
London 1951

Am Ende seines großen Familienbriefs (mit Abschnitten „A. Die Damen (Ladies first)“ und „B. Walter und Fritz“) schreibt der 86-Jährige:

„Und damit will ich auch Schluss machen, denn das ist doch wirklich ein ‘richtiger Brief’ geworden. Oder wer schreibt denn heutzutage noch solche Briefe? Also hebt ihn Euch auf, als ein Kuriosum.“

Er unterzeichnet: „Euer so alter und doch noch jugendlicher Onkel Jacques Mieses.“