Schachmeister im Exil: Die Emigration 1933-1945
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 bedeutete das Ende einer blühenden jüdischen Schachkultur in Deutschland. Meister wie Jacques Mieses, Emanuel Lasker und viele andere mussten ihre Heimat verlassen und im Exil ein neues Leben beginnen.
Die jüdische Schachkultur vor 1933
In den Jahrzehnten vor 1933 spielten jüdische Schachmeister eine zentrale Rolle in der deutschen und internationalen Schachwelt. Wilhelm Steinitz wurde 1886 der erste Schachweltmeister. Emanuel Lasker hielt den Titel von 1894 bis 1921 – bis heute der längste Zeitraum in der Schachgeschichte.
Jacques Mieses aus Leipzig war seit 1888 eine feste Größe im internationalen Turnierschach. Neben ihm prägten Meister wie Siegbert Tarrasch, Rudolf Spielmann, Erich Cohn und Ludwig Engels das deutsche Schachleben. Sie schrieben Bücher, gaben Simultanvorstellungen und trugen maßgeblich zur Popularität des Schachs bei.
Der Bruch von 1933
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 begann die systematische Ausgrenzung jüdischer Bürger aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 war nur der Anfang einer Reihe diskriminierender Maßnahmen.
Ausschluss aus dem Schachleben
Jüdische Schachspieler wurden aus dem Großdeutschen Schachbund ausgeschlossen. Sie durften nicht mehr an offiziellen Turnieren teilnehmen, keine Schachspalten mehr schreiben und keine Bücher mehr veröffentlichen. Ihre Namen verschwanden aus Zeitschriften und Turnierlisten.
Chronologie der Emigration
Emanuel Lasker, der ehemalige Weltmeister, verlässt Deutschland bereits 1933. Er geht zunächst nach England, später in die USA und die Sowjetunion. Mit 64 Jahren muss er im Exil um seinen Lebensunterhalt kämpfen.
Richard Réti, der tschechoslowakische Meister mit jüdischen Wurzeln, stirbt 1929 – er erlebt die Verfolgung nicht mehr. Sein Bruder Rudolf Réti emigriert später nach Israel.
Die „Nürnberger Rassegesetze" vom 15. September 1935 verschärfen die Diskriminierung drastisch. Jüdische Bürger verlieren ihre Staatsbürgerrechte. Viele Schachmeister erkennen, dass es keine Zukunft mehr in Deutschland gibt.
Jacques Mieses, 73 Jahre alt, verlässt Deutschland im Juni 1938 mit nur 15 Reichsmark in der Tasche – vier Monate vor der Reichspogromnacht. Er emigriert nach London, wo er Verwandte hat. Seine Wohnung in der Christianstraße 19 im Leipziger Waldstraßenviertel muss er zurücklassen.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brennen in ganz Deutschland Synagogen. Jüdische Geschäfte werden geplündert, Menschen verhaftet und ermordet. Für viele, die noch nicht geflohen sind, ist dies das Signal zur sofortigen Flucht.
Wer rechtzeitig fliehen konnte, versucht im Exil ein neues Leben aufzubauen. Viele Schachmeister geben Unterricht, spielen Simultanpartien oder schreiben für Zeitungen, um zu überleben. Andere, die nicht fliehen konnten, werden deportiert und ermordet.
Jacques Mieses in London
In England angekommen, nimmt Mieses die britische Staatsbürgerschaft an. Trotz seines hohen Alters – er ist bei der Emigration 73 Jahre alt – gibt er nicht auf. Er spielt weiter Turniere, gibt Simultanvorstellungen und schreibt Schachkolumnen.
Augenzeugenbericht 1939
Ein Bekannter besuchte Mieses im Jahr 1939 an einem Sonntagmorgen in seiner Unterkunft in Camden Town, Oakley Square 66 (dokumentiert im UK Internees Index 1939).
Er traf auf einen schwer gehbehinderten Mieses – eine Spätfolge des schweren Omnibusunfalls bei Kemeri 1937. Mieses hatte kurz zuvor unter großen Schwierigkeiten Deutschland verlassen und war gezeichnet von der Flucht und den körperlichen Einschränkungen.
Trotz dieser widrigen Umstände spielte Mieses weiter Turniere und gewann noch Preise. Sein unbeugsamer Wille und seine Liebe zum Schach halfen ihm, diese schwere Zeit zu überstehen.
Mieses' späte Erfolge in England
- 1946: Schönheitspreis in Hastings mit 80 Jahren
- 1948: 3. Platz beim Turnier in Stockholm mit 83 Jahren
- 1950: Ernennung zum FIDE-Großmeister als ältester Spieler (85 Jahre)
Technisch gesehen war Mieses damit der erste britische Großmeister – der erste in Großbritannien geborene Großmeister war später Tony Miles. Mieses bewies, dass man auch im Exil und im hohen Alter noch erfolgreich sein kann.
Leben im Londoner Exil (1945–1952)
Nach Kriegsende 1945 begann für den 80-jährigen Jacques Mieses eine neue Phase des Exils. Die Briefe aus der Hanna de Mieses Family Collection dokumentieren eindrucksvoll den „Kampf ums Dasein" in der britischen Nachkriegszeit.
Der 80-jährige Mieses erlebte einen wahren Umzugs-Marathon durch das Londoner Stadtviertel Hampstead. Die Nachkriegs-Wohnungsnot zwang ihn zu ständigen Wechseln:
- 8 Fitzjohns Avenue (bis März 1947) – gekündigt
- 17 Parsifal Road, West Hampstead (März 1947) – nur kurz
- 13 Fitzjohns Avenue (ab April 1947) – „kleiner und teurer"
- 31 Fitzjohns Avenue (ab Januar 1948) – dritte Hausnummer derselben Straße
- 69 Greencroft Gardens (ab November 1949)
- „In boarding" (Pension, ab 1950)
„Die Wohnung in der 8 Fitzjohns Avenue wurde mir gekündigt." Mit 82 Jahren musste er erneut umziehen.
Im ausführlichsten Brief der Sammlung (4. August 1946) beschreibt der 81-jährige Mieses seine prekäre Lage mit großer Offenheit:
„Das Leben in England ist sehr schwer und für mich besonders. In Deutschland hatte ich 80% meines Einkommens aus Schachjournalismus."
Die britische Rationierung dauerte bis 1954. Mieses war abhängig von:
- Turnierpreisgeldern und Simultanvorstellungen
- Schachkolumnen (deutlich schlechter bezahlt als in Deutschland)
- Lebensmittelpaketen aus Buenos Aires und New York
In einem Brief (ca. Frühjahr 1948) listet Mieses detailliert auf, was er sich als „Liebesgabe" wünscht: Tee, Reis, Zucker – alles rationierte Waren.
„Walters Liebesgabe ist endlich angekommen – nach acht Monaten, über New York verschickt." (Brief vom 26. Januar 1949)
Die Pakete kamen von Verwandten in Buenos Aires (Walter) und Schachfreunden in New York. Die Lieferzeit betrug bis zu acht Monate.
Sir John Simon (1873–1954), britischer Innenminister (1935–1937) und Schatzkanzler (1937–1940), spielte eine entscheidende Rolle bei Mieses' Einreise nach England.
1938 war die britische Einwanderungspolitik äußerst restriktiv. Nur etwa 10.000 jüdische Flüchtlinge erhielten ein Visum. Simons Intervention war vermutlich ausschlaggebend für Mieses' Rettung.
Die genaue Art seiner Unterstützung – ob Empfehlungsschreiben, persönliche Bürgschaft oder politischer Druck – ist nicht dokumentiert.
Mieses' populäres Schachlehrbuch „Schach" (Reclam Universal-Bibliothek Nr. 7204, erschienen ca. 1920) durfte nach der Machtergreifung nicht mehr erscheinen.
Das Propagandaministerium unter Joseph Goebbels verhinderte Neuauflagen und Vertrieb – Teil der systematischen „Arisierung" des deutschen Verlagswesens.
Mit 84 Jahren kehrte Mieses für drei Monate nach Deutschland zurück – die erste Reise seit seiner Flucht 1938.
„Von August bis Ende Oktober 1949 war ich in Deutschland und Holland – die lang ersehnte Rückkehr."
In Leipzig fand er das Haus in der Felixstraße unversehrt vor – Besitz der nach Argentinien emigrierten Verwandtschaft.
• Christianstraße 19: Mieses' letzte eigene Wohnung (Waldstraßenviertel)
• Felixstraße: Familienbesitz der argentinischen Verwandten
Trotz Wohnungsnot, Rationierung und hohem Alter: 1950 wurde Jacques Mieses zum FIDE-Großmeister ernannt – als ältester Spieler der Geschichte. Ein Triumph des Willens über die Umstände.
Andere emigrierte Meister
Rückkehr in die Heimat
Trotz der Vertreibung aus seiner Heimat verlor Jacques Mieses nie seine Verbundenheit mit Deutschland. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte er mehrfach besuchsweise nach Berlin zurück und sah sogar seine Vaterstadt Leipzig noch einmal wieder — die Stadt, in der er 1865 geboren wurde und die sein Schachleben geprägt hatte.
Zeitgenossen berichteten von seiner versöhnlichen Haltung: In Gesprächen zeigte er „menschliches Verständnis und eine großzügige Haltung" — bemerkenswert für einen Mann, der mit 73 Jahren seine gesamte Existenz hatte aufgeben müssen.
Quelle: Nachruf von Kurt Richter (1954)
Emanuel Lasker (1868-1941)
Weltmeister 1894-1921. Emigrierte 1933 nach England, später USA und UdSSR. Starb 1941 in New York in bescheidenen Verhältnissen.
Rudolf Spielmann (1883-1942)
Österreichischer Meister. Floh 1938 nach Schweden. Starb 1942 in Stockholm, verarmt und vergessen.
Erich Cohn (1884-1918)
Berliner Meister. Starb bereits 1918, erlebte die Verfolgung nicht mehr. Seine Familie wurde später deportiert.
Ludwig Engels (1905-1967)
Deutscher Meister. Emigrierte nach Brasilien, wo er erfolgreich weiterspielte und die brasilianische Schachszene prägte.
Das Vermächtnis
Die Emigration jüdischer Schachmeister bedeutete einen unermesslichen Verlust für die deutsche Schachkultur. Eine Tradition, die über Generationen gewachsen war, wurde innerhalb weniger Jahre zerstört. Viele Meister starben im Exil, verarmt und vergessen.
Doch ihre Leistungen leben weiter: in den Partien, die sie spielten, in den Büchern, die sie schrieben, und in der Erinnerung an eine Zeit, als Schach mehr war als nur ein Spiel – es war eine Brücke zwischen Kulturen und Menschen.
„Ich habe mein ganzes Leben dem Schach gewidmet. Es hat mir in den schwersten Zeiten Trost gegeben."
- 30.1.1933: NS-Machtergreifung
- 7.4.1933: „Berufsbeamtengesetz"
- 1933: Lasker emigriert
- 15.9.1935: Nürnberger Gesetze
- 9./10.11.1938: Reichspogromnacht
- Juni 1938: Mieses emigriert nach London
- 1945: Kriegsende
Mit 73 Jahren begann Jacques Mieses in London ein neues Leben. Er spielte weiter Turniere, gewann Preise und wurde 1950 zum Großmeister ernannt.
Er starb 1954 in London, vier Tage vor seinem 89. Geburtstag – als einer der ältesten aktiven Schachspieler der Geschichte.