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Nachruf im British Chess Magazine | Jacques Mieses

Nachruf im British Chess Magazine

Obituary — J. Mieses

April 1954
Nachruf auf Jacques Mieses im British Chess Magazine, April 1954 Klicken zum Vergrößern
Publikation British Chess Magazine
Datum April 1954
Seite 107
Sprache Englisch (Original)
Typ Nachruf
Anlass Tod am 23. Februar 1954
Der letzte Romantiker

Der Nachruf würdigt Jacques Mieses als letztes Bindeglied zu einer vergessenen Ära des romantischen Schachs. Er starb am 23. Februar 1954 in einem Londoner Pflegeheim, knapp vor seinem 89. Geburtstag.

Mieses war Zeitgenosse der großen Romantiker Zukertort, Charousek und Chigorin. Anders als viele seiner Generation weigerte er sich, die klassische Schule von Steinitz und Tarrasch zu übernehmen. Er bevorzugte zeitlebens das Dynamische über das Statische, den Angriff über die Verteidigung.

Eröffnungen und Spielstil

Mieses' Eröffnungswahl spiegelte seine romantische Spielauffassung wider:

Mit Weiß:
Mit Schwarz:
  • Skandinavische Verteidigung (Centre Counter Defence)

Besonders bemerkenswert: Mit der damals ungewöhnlichen Skandinavischen Verteidigung erzielte Mieses große Erfolge bei bedeutenden Turnieren: Ostende 1907, Karlsbad 1907, Wien 1908 und St. Petersburg 1909.

Der Problemkomponist

Eine bisher wenig bekannte Facette: In seinen frühen Jahren war Mieses nicht nur Turnierspieler, sondern auch Problemkomponist und wurde als phänomenaler Problemlöser beschrieben.

Diese Fähigkeit zur taktischen Analyse prägte seinen späteren Spielstil und erklärt seine zahlreichen Brillanzpreise für spektakuläre Kombinationen.

Letzter Überlebender von Hastings 1895

Der Nachruf hebt eine bemerkenswerte historische Tatsache hervor: Bei seinem Auftritt in Hastings 1945/46 war Mieses der letzte lebende Teilnehmer des legendären Urturniers von 1895.

50 Jahre zwischen seinem ersten und letzten Hastings-Auftritt – eine einzigartige Brücke zwischen den Epochen der Schachgeschichte.

Karriere und Unberechenbarkeit

Mieses' Karriere begann vielversprechend:

  • 2. Platz Nürnberg 1888
  • 3. Platz Leipzig 1888 (gleiches Jahr)
  • 3. Platz Breslau 1889 (hinter Tarrasch und Burn)

Der Nachruf erwähnt auch seine Unberechenbarkeit: 1907 gewann er zunächst das Turnier in Wien, belegte dann aber nur den geteilten 16.–18. Platz in Karlsbad – ein typisches Beispiel für die Schwankungen seiner Form.

Brillanzpreise

Der Nachruf listet mehrere Brillanzpreise auf, die Mieses für spektakuläre Kombinationen erhielt:

  • Sieg gegen Janowski Paris 1900
  • Sieg gegen Reggio Monte Carlo 1903
  • Sieg gegen Znosko-Borovsky Ostende 1907
  • Sieg gegen Schlechter Wien 1908
Schachbücher

Der Nachruf erwähnt drei englischsprachige Bücher von Mieses, die „a long and wide popularity in English" genossen:

  • „The Chess Pilot" (Der Schachlotse)
  • „Manual of the End-game"
  • „Instructive Positions from Master Chess"
Persönliche Erinnerungen
Liverpool Congress 1923

Der Autor des Nachrufs erinnert sich an eine Begegnung mit Mieses beim Liverpool Congress 1923. Gemeinsam kauften sie Krawatten in der Dale Street. Er beschreibt Mieses als „courteous and cultured man, precise in speech and with something of the military in his bearing" – ein höflicher und kultivierter Mann mit präziser Ausdrucksweise und militärischer Haltung.

Camden Town 1939

Ein zweiter Besuch fand 1939 in Camden Town statt. Mieses war zu diesem Zeitpunkt „seriously-crippled" – schwer gehbehindert als Spätfolge des Kemeri-Autounfalls 1937. Er hatte unter großen Schwierigkeiten Deutschland verlassen müssen und lebte nun im Exil in London.