Wettkampf Marshall–Mieses
Berlin, November/Dezember 1908
Vorgeschichte: Marshalls Tournee 1908
Frank Marshall hatte ein langes Turnierjahr hinter sich, als er im Herbst 1908 in Berlin eintraf. Im August gewann er den 16. DSB-Kongress in Düsseldorf. Im September folgte ein Vier-Spieler-Turnier in Lodz mit Rubinstein, Salwe, Marshall und Tartakower; Rubinstein und Salwe teilten den ersten Platz, Marshall wurde Dritter.
Im Oktober und November bestritt Marshall in Warschau einen Wettkampf gegen Akiba Rubinstein und verlor knapp mit 3½:4½. Er reiste also nicht als Sieger nach Berlin, sondern als geschlagener Mann. In einem Brief vom 1. Dezember 1908 an die Redaktion des American Chess Bulletin in New York schrieb er: „I am quite tired out, and think I have had too much chess of late.“
Quellen: Donaldson/Minev, The Life and Games of Akiba Rubinstein, Vol. 1; American Chess Bulletin, Vol. 6, Jan. 1909, S. 13.
Format und Bedingungen
Spielort war das Café Kerkau in der Friedrichstraße 59-60, Ecke Leipziger Straße, im sogenannten Equitable-Palast. Hugo Kerkau, ehemaliger Berliner Billard-Champion, hatte das Lokal um 1900 eröffnet. Es war einer der zentralen Berliner Schachtreffpunkte vor 1914; die Berliner Schachgesellschaft hatte dort seit 1901 ihren Sitz. Der Wettkampf erstreckte sich über vier Wochen im November und Dezember 1908. Das Format war auf zehn Partien festgelegt, nicht auf eine zuerst erreichte Siegzahl.
Das Publikum belief sich nach Marshalls eigener Auskunft im ACB-Brief auf durchschnittlich über hundert Zuschauer pro Spieltag. Annotationen wurden zeitgenössisch von zwei Schachjournalisten geliefert: Leopold Hoffer für das American Chess Bulletin in New York (acht der zehn Partien), das Brooklyn Daily Eagle für die letzten beiden Partien.
Verlauf
| Partie | Anzug | Eröffnung | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 1 | Marshall | Damengambit | 1–0 Marshall |
| 2 | Mieses | Wiener Partie | 1–0 Mieses |
| 3 | Marshall | Damengambit | ½–½ |
| 4 | Mieses | Wiener Partie | 1–0 Mieses |
| 5 | Marshall | Damengambit | 1–0 Mieses |
| 6 | Mieses | Wiener Partie | 1–0 Mieses |
| 7 | Marshall | Damengambit | 1–0 Marshall |
| 8 | Mieses | Wiener Partie | 1–0 Marshall |
| 9 | Marshall | Damengambit | 1–0 Marshall |
| 10 | Mieses | Wiener Partie | 0–1 Marshall |
| Endergebnis | Marshall 5½, Mieses 4½ (Marshall +5 −4 =1) | ||
Die schönste Partie der Serie
Leopold Hoffer, der die Wettkampfpartien für das American Chess Bulletin in New York kommentierte, hielt die achte Partie für die ästhetisch beste der gesamten Serie. Mieses spielte mit Weiß seine Wiener Eröffnung, baute ein überlegenes Zentrum auf, führte einen direkten Königsangriff und entschied die Partie mit einem berechneten Qualitätsopfer. Mit diesem Sieg ging er nach acht Partien mit viereinhalb zu dreieinhalb in Führung.
„this, the eighth game of the series, is considered there to be the finest of the series.“
Achte Partie: Mieses gegen Marshall
Mit dem Königsangriff der achten Partie sicherte Mieses sich seinen Match-Vorsprung.
Partiedaten und Notation
| Weiß | Mieses, Jacques |
|---|---|
| Schwarz | Marshall, Frank James |
| Anlass | Match Marshall-Mieses, Berlin GER |
| Datum | 30. November 1908 |
| Runde | 8 |
| Eröffnung | Vienna Game, Anderssen Defense (ECO C25) |
| Ergebnis | 1–0 |
1. e4 e5 2. Nc3 Bc5 3. g3 Nc6 4. Bg2 h5 5. h3 h4 6. g4 d6 7. Na4 Be6 8. d3 g5 9. c3 a6 10. Nf3 f6 11. d4 exd4 12. cxd4 Bb4+ 13. Nc3 Bc4 14. Qc2 Qe7 15. Bd2 O-O-O 16. b3 Bxc3 17. Bxc3 Bf7 18. O-O Bg6 19. Nd2 d5 20. Rfe1 Qd7 21. Qb2 Nge7 22. b4 dxe4 23. Nxe4 Bxe4 24. Bxe4 Qd6 25. b5 axb5 26. Qxb5 Nd5 27. Rab1 Nb6 28. d5 Na7 29. Qa5 Kb8 30. Bd4 Nac8 31. Bc5 Qd7 32. d6 Nxd6 33. Rxb6 33... cxb6 34. Bxb6 Nc8 35. Bf5 Qd6 36. Bxc8 Kxc8 37. Rc1+ Kd7 38. Qf5+ Ke8 39. Qg6+ 1-0
Notation in englischer Schreibweise, wie im Viewer.
Marshalls Comeback in den letzten beiden Partien
Nach Hoffers Lieblingspartie führte Mieses 4½:3½. Marshall brauchte aus den verbleibenden zwei Partien einen halben Punkt mehr, um den Match noch zu drehen. Er gewann beide. In der neunten Partie (Marshall mit Weiß, Damengambit abgelehnt) brachte er den Königsläufer über g2 heraus, was das Brooklyn Daily Eagle als „the new Russian wrinkle“ einordnete, opferte im 23. Zug die Qualität und gewann nach dem Urteil der Zeitung gegen einen „utterly routed“ Mieses.
In der letzten Partie spielte Mieses mit Weiß seine Wiener Eröffnung. Marshall tauschte im 15. Zug die Damen ab, gewann einen schwachen Bauern und leitete einen Angriff ein, in dem er drei Figuren en prise hatte. Eine waghalsige Berechnung, die nur deshalb aufging, weil Marshall einige Halbzüge weiter sah. Das Brooklyn Daily Eagle nannte den Schluss „a very pretty mating net“. Damit war der Match entschieden.
Quelle: Brooklyn Daily Eagle, 21. Dezember 1908, S. 22.
Neunte Partie: Marshalls „Russian Wrinkle“
Marshall brachte den Königsläufer über g2 heraus und opferte die Qualität zum Ausgleich des Matches.
Partiedaten und Notation
| Weiß | Marshall, Frank James |
|---|---|
| Schwarz | Mieses, Jacques |
| Anlass | Match Marshall-Mieses, Berlin GER |
| Datum | 1. Dezember 1908 |
| Runde | 9 |
| Eröffnung | Queen's Gambit Declined, Tarrasch Defense (ECO D33) |
| Ergebnis | 1–0 |
1. d4 d5 2. c4 e6 3. Nc3 c5 4. cxd5 exd5 5. Nf3 Nc6 6. g3 Be6 7. Bg2 Nf6 8. Bg5 Be7 9. dxc5 Qa5 10. O-O Qxc5 11. Rc1 Rd8 12. Na4 Qa5 13. Nd4 Nxd4 14. Qxd4 O-O 15. Nc5 Qxa2 16. Nxe6 fxe6 17. Rc7 Rf7 18. Bh3 Qa6 19. Rfc1 Qxe2 20. Be3 Rd6 21. Qe5 Qa6 22. Bc5 Nd7 23. Rxd7 Rxd7 24. Bxe6 Qc6 25. Be3 Qd6 26. Rc8+ Bd8 27. Bxf7+ Kxf7 28. Qf5+ Bf6 29. Bc5 g6 30. Qh3 1-0
Notation in englischer Schreibweise, wie im Viewer.
Zehnte Partie: Das Mating Net
Mieses spielte seine Wiener Eröffnung, doch Marshall berechnete ein Mattfinale mit drei Figuren en prise.
Partiedaten und Notation
| Weiß | Marshall, Frank James |
|---|---|
| Schwarz | Mieses, Jacques |
| Anlass | Match Marshall-Mieses, Berlin GER |
| Datum | Dezember 1908 |
| Runde | 10 |
| Eröffnung | ECO C26 |
| Ergebnis | 1–0 |
1. e4 e5 2. Nc3 Nf6 3. g3 Nc6 4. Bg2 Bc5 5. d3 d6 6. Na4 Bg4 7. f3 Be6 8. Ne2 Qd7 9. h3 Nd4 10. Nxc5 dxc5 11. Nxd4 Qxd4 12. f4 c4 13. f5 Bd7 14. Qe2 cxd3 15. Qxd3 Qxd3 16. cxd3 Bb5 17. d4 exd4 18. e5 Nd7 19. a4 Ba6 20. b4 c6 21. Bf4 O-O 22. O-O-O d3 23. Rhe1 Nb6 24. a5 Na4 25. Kd2 Nb2 26. Ra1 Rad8 27. Kc3 d2 28. Bxd2 Rd3+ 29. Kc2 Rxg3 30. Rg1 Nc4 31. Bf4 Ne3+ 32. Kb3 Bc4+ 33. Kc3 Nd1+ 34. Kd4 Rd8+ 35. Kc5 Rc3 36. Rc1 Bb5+ 37. Rxc3 Nxc3 38. Ra1 Nd5 39. Bg3 Nc7 0-1
Notation in englischer Schreibweise, wie im Viewer.
Tarraschs Urteil
Acht Jahre später, im Vorwort zu seinem Schachwettkampf-Buch über den eigenen Wettkampf gegen Mieses 1916, zog Siegbert Tarrasch eine ironische Bilanz. Tarrasch zählte Match-Bilanzen ohne Remispartien, weshalb er Marshalls 5½:4½ als 5:4 angab. Marshall habe „mit 5:4“ gesiegt, schrieb Tarrasch und ergänzte: „wenn man dies noch einen Sieg nennen kann.“
Tarrasch, Schachwettkampf, Vorwort, S. 4.
Nur sechs Wochen nach dem Berliner Match-Ende stand Mieses bereits beim nächsten Wettkampf am Brett. Im Januar 1909 trat er in Stuttgart gegen Carl Schlechter an, im ersten Blindschach-Wettkampf zweier internationaler Meister, und gewann zweieinhalb zu einhalb.
Quellen
- American Chess Bulletin, Vol. 6, Januar 1909, S. 13–17. Brief Marshall vom 1. Dezember 1908. Annotationen Leopold Hoffer für acht der zehn Partien.
- Brooklyn Daily Eagle, 21. Dezember 1908, S. 22. Bericht über die letzten beiden Partien.
- Donaldson/Minev, The Life and Games of Akiba Rubinstein, Vol. 1. Tabelle Warsaw, October–November 1908.
- Tarrasch, Der Schachwettkampf Tarrasch–Mieses im Herbst 1916, Veit & Comp., Leipzig 1916. Vorwort „Geschichte des Wettkampfes“, S. 4.
Aus der kommenden Biographie
Der Wettkampf Marshall–Mieses 1908 wird ausführlich behandelt in der Mieses-Biographie von Johannes Geppert (JUG Verlag, Q1 2027). Alle zehn Partien mit vollständigen Anmerkungen, Presseberichte und bisher unveröffentlichte Quellen.
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