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Wettkampf Menchik–Mieses

London, 21. Mai bis 13. Juni 1942

Vera Menchik spielt gegen Jacques Mieses in ihrem Wettkampf 1942.
Vera Menchik spielt gegen Jacques Mieses in ihrem Wettkampf 1942. Quelle: British Chess Magazine (BCM).
Das erste ernsthafte Schachmatch zwischen einer Frau und einem Großmeister. Im dritten Kriegsfrühling trat der 77-jährige Jacques Mieses im Londoner Exil gegen die 36-jährige Damenweltmeisterin Vera Menchik an. Gespielt wurde zwischen dem 21. Mai und dem 13. Juni 1942 in einem Gebäude der Firma John Lewis am Cavendish Square 31 im Londoner West End. Zehn Partien, eine erkrankungsbedingte Unterbrechung. Endstand: Menchik 6½ – Mieses 3½ (+4 =5 −1 für Menchik).

Mieses’ Ankündigung: „Damen am Schachbrett“

Sechs Tage vor Match-Beginn, am Freitag, dem 15. Mai 1942, brachte Mieses in seiner Schach-Spalte der Londoner Zeitung einen Vorbericht eigener Art. Den Lesern, denen er sonst Aufgaben des amerikanischen Problemlösers W. Shinkman und Endspielstudien sowjetischer wie deutscher Komponisten vorlegte, bot er diesmal eine kleine Kulturgeschichte des Damenschachs. Er führte sie über Lessings Nathan der Weise und Goethes Götz von Berlichingen in das 14., 15. und 16. Jahrhundert, als das Schachspiel in Mitteleuropa zum guten Ton gehörte, auch in Frauenkreisen, bis der dreißigjährige Krieg jenen „furchtbaren Kulturschnitt“ mit sich brachte, der das Brett auf Generationen aus den bürgerlichen Stuben verdrängte. Aus England komme das moderne Damenschach, fuhr Mieses fort: 1895 hätten Schachfreundinnen in London den Ladies Chess Club gegründet, 1927 sei dort die erste Damen-Weltmeisterschaft ausgespielt worden, die Vera Menchik mit kaum zweiundzwanzig Jahren errungen habe und seitdem mehrfach verteidigt halte.

Im zweiten Teil widmete er sich seiner Gegnerin und sich selbst. Vera Menchik bilde unter ihren Geschlechtsgenossinnen „eine Klasse für sich“. Auch gegen starke Spieler, ja selbst gegen Meister, habe sie „ihren Mann gestanden“. Den Schluss seines Vorberichts widmete Mieses einer doppelten Pointe. Wir werden zehn Partien gegeneinander spielen, kündigte er an: „Diese Veranstaltung darf in doppelter Hinsicht als ein Unikum in der Geschichte des Schachspiels hervorgehoben werden. Niemals bisher hat eine Frau einen ernsten Wettkampf gegen einen Meister der internationalen Klasse ausgefochten. Noch niemals ist es einem Spieler meines Alters – ich bin 77 Jahre alt – unternommen, in der Schacharena zu stehen.“ Er werde sein Bestes tun müssen, schloss er, um nicht „das Schicksal des Sultans Saladin und des Bischofs von Bamberg zu teilen“, die in den literarischen Schachszenen seines Auftakts gegen Frauen verloren hatten. Mit Datum und Ortsangabe endete der Vorbericht: Am 21. Mai werde der Wettkampf beginnen, in einem Gebäude der Firma John Lewis am Cavendish Square 31, im Londoner West End.

Vorgeschichte: Zwei Welten, ein Brett

Als sich die beiden Spieler im Mai 1942 in London gegenübersaßen, trennte sie ein Altersabstand von einundvierzig Jahren. Mieses, 1865 in Leipzig geboren, war nach der Reichskristallnacht im November 1938 ins englische Exil geflohen; sein gesamtes deutsches Leben lag hinter ihm. Vera Menchik, 1906 in Moskau als Tochter eines tschechischen Vaters und einer englischen Mutter geboren, war seit 1927 ununterbrochen Damen-Weltmeisterin, mit erfolgreichen Titelverteidigungen 1930, 1931, 1933, 1935, 1937 und 1939 – nie geschlagen.

Die Geschichte ihres Aufstiegs war zugleich die Geschichte des männlichen Schachunbehagens an einer ernstzunehmenden Konkurrentin. 1929 in Karlsbad, vor ihrer ersten Teilnahme an einem starken Männer-Großturnier, hatte der Wiener Meister Albert Becker den ironisch gemeinten „Menchik Club“ ausgerufen: Jeder Meister, der gegen sie verlöre, sei aufzunehmen. Das erste Mitglied wurde, prompt und unfreiwillig, Becker selbst. Die Mitgliederliste wuchs in den folgenden Jahren beträchtlich – darunter Max Euwe, Mir Sultan Khan und Samuel Reshevsky. Das ironische Vereinsschild kehrte sich in eine Auszeichnung um.

Bedeutung: Erstes ernsthaftes Match einer Frau gegen einen Großmeister

Robert B. Tanner, Menchiks Biograph, hat den Wettkampf in einem einzigen Satz eingeordnet: es sei „the first ever serious match between a woman and a strong master“ gewesen, das erste ernsthafte Match überhaupt zwischen einer Frau und einem starken Meister. Vor 1942 hatten Frauen und Großmeister einander wohl in Turnieren gegenübergesessen – an der Spitze Menchik selbst seit 1929 –, doch ein eigens vereinbarter Zweikampf über mehrere Partien, mit ernster Bedenkzeit und unter den Augen der Schachöffentlichkeit, hatte zuvor nie stattgefunden.

Dass dieses historische Match überhaupt zustande kam, verdankte sich der besonderen Konstellation des Londoner Exils. Jacques Mieses, einst Berliner Salonmeister und Wiener Trebitsch-Sieger, war nach Berufsverbot, Flucht und Internierung zur Galionsfigur einer kleinen Gemeinschaft deutschsprachiger Emigranten geworden. Vera Menchik lebte mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Olga in Clapham, im Süden Londons, und arbeitete unter den Bedingungen des Krieges weiter als Schachprofi. London im Jahr 1942 war eine Stadt unter Bombardement, in der die Idee eines vierwöchigen Meisterzweikampfs zugleich Trotz und Selbstverständlichkeit ausdrückte.

Verlauf

Gespielt wurden zehn Partien zwischen Donnerstag, dem 21. Mai, und Samstag, dem 13. Juni 1942. Mieses berichtete sechs Freitage hintereinander in seiner Schach-Spalte über den Verlauf, mal mit Einzelresultaten, mal mit dem vollen Notationsbild. Die erste Partie zog sich am Eröffnungstag über fast acht Stunden hin und endete mit einem Sieg Menchiks. Nach der zweiten Partie, einem Remis, stand es ausgeglichen. Nach vier Partien hatte Menchik zwei gewonnen, zwei waren remis ausgegangen. Nach sieben Partien führte sie mit drei zu eins bei drei Remis. Sein einziger Sieg fiel Mieses in der sechsten Partie zu. Die siebente Partie am 5. Juni endete remis nach fünfunddreißig Zügen Dauerschach im Damenbauernspiel; die vollständige Notation veröffentlichte Mieses eine Woche später mit eigenen Kommentaren in der Zeitung. Das Match endete am Samstag, dem 13. Juni 1942, mit 6½:3½ für Menchik.

PartieDatumAnzugEröffnungErgebnisBemerkung
121. Mai 1942MenchikDamenbauernspiel1–0 Menchikfast achtstündiges Spiel
2Ende Mai 1942Remisbelegt durch Die Zeitung, 29.5.1942
3Ende Mai / Anfang Juni 1942Remisbelegt durch Die Zeitung, 5.6.1942
4Ende Mai / Anfang Juni 19421–0 Menchikbelegt durch Die Zeitung, 5.6.1942
5Anfang Juni 19421–0 Menchikbelegt durch Die Zeitung, 12.6.1942
6Anfang Juni 19420–1 Mieseseinziger Mieses-Sieg; belegt durch Die Zeitung, 12.6.1942
75. Juni 1942MenchikDamenbauernspielRemis (Dauerschach, 35 Züge)vollständige Notation siehe unten
8Anfang Juni 19421–0 Menchikbelegt durch Die Zeitung, 26.6.1942
9Anfang Juni 1942Remisbelegt durch Die Zeitung, 26.6.1942
10bis 13. Juni 1942nicht überliefertRemisbelegt durch Die Zeitung, 26.6.1942
EndstandMenchik 6½ – Mieses 3½ (+4 =5 −1 für Menchik)

Anmerkung zur Quellenlage: Die laufende Numerierung der Partien folgt der Berichterstattung in Mieses’ Wochenspalten vom 29. Mai, 5. Juni und 12. Juni 1942. Die Spalte vom 19. Juni 1942 bezeichnet die annotierte Partie vom 5. Juni zutreffend als „siebente“ Partie. Im Endresümee vom 26. Juni 1942 hingegen nennt Mieses die siebente Partie als Mieses-Sieg, was sowohl der Spalte vom 12. Juni („Die siebente endete mit Remis“) als auch der vollständigen Notation widerspricht. Mieses verzählte sich im Resümee vermutlich um eine Position. Die Tabelle folgt den zeitgenössischen Wochenberichten; der Endstand selbst bleibt von dem Zählfehler unberührt.

Krankheit und Unterbrechung

Im Lauf der zweiten Woche musste der Wettkampf für mehrere Tage unterbrochen werden. Mieses berichtete in seiner Schach-Spalte vom 19. Juni 1942 nüchtern, es habe „eine mehrtägige Unterbrechung eintreten“ müssen, da er „unter einer andauernden körperlichen Indisposition zu leiden hatte“. Was sich hinter dieser Formel verbarg, hat er erst Jahre später, in einem Brief an seinen langjährigen Freund Adolf Seitz, klar benannt: ein schmerzhaftes Blasenleiden. Im englisch verfassten Originalwortlaut von 1945 hieß es: „Yes, I played a match with Vera Menchik and, no wonder, I lost it, since I got seriously ill during the match, suffering of a very painful Blasenleiden. The match had to be interrupted for about a week but that was not sufficient for curing me and Vera Menchik could not agree to a longer postponement because she was engaged by the Government for war work.“

Damit ist die zentrale Bedingung des Spielverlaufs dokumentiert: Eine knappe Woche Pause genügte nicht zur Heilung; eine längere Verschiebung war ausgeschlossen, weil Menchik zu Kriegsdiensten verpflichtet war. Mieses spielte die Schlussphase des Matches krank zu Ende.

Die annotierte Partie

Vollständig erhalten ist die siebente Partie des Wettkampfs, gespielt am Freitag, dem 5. Juni 1942. Menchik eröffnete, wie alle Partien des Matches, mit dem Damenbauern. Mieses begegnete ihr mit einer flexibel gehaltenen Aufstellung, die das schnelle Vorrücken des Königsbauern ermöglicht. Die Partie führte über fünfunddreißig Züge in ein Endspiel, in dem Schwarz dank eines präzisen Damenmanövers (22…Da4!) sogar Gegenchancen erlangte; der Schluss durch Dauerschach ist musterhaft korrekt.

Siebente Partie: Damenbauernspiel, London, 5. Juni 1942

Menchik – Mieses, Remis nach 35 Zügen. Die Notation und die kursiv wiedergegebenen Anmerkungen stammen aus Mieses’ eigener Schach-Spalte in Die Zeitung (London) vom 19. Juni 1942.

Mieses’ öffentliche Würdigung

In seiner ersten ausführlichen Bilanz, der Schach-Spalte vom 26. Juni 1942 in Die Zeitung, ordnete Mieses den Wettkampf mit bemerkenswerter Selbstkritik und ohne jeden Anflug von Bitterkeit ein. Seine Worte sind die unmittelbarste Quelle, die wir besitzen.

„Bei Beginn des Kampfes waren beide Spieler erheblich ausser Übung, wie auch aus der Qualität der Partien hervorgeht. Sie haben ja, des Krieges wegen, mehrere Jahre keine Gelegenheit zu ernsten Meisterpartien gehabt.“

„Dieser lange Mangel an Training hat sich begreiflicherweise bei Mieses stärker geltend gemacht, als bei seiner mehr als 40 Jahre jüngeren Gegnerin.“

„Er hat ausserdem während einiger Partien unter einer sehr störenden körperlichen Indisposition gelitten.“

Den Schlusssatz seiner Spalte widmete Mieses ausschließlich seiner Gegnerin – ohne jeden Vorbehalt:

„Vera Menchik hat ihren bisherigen guten Leistungen in internationalen Meisterturnieren nunmehr einen beachtenswerten Sieg in einem schweren Einzelwettkampf hinzugefügt. Sie dürfte jetzt erst zur vollen Entwicklung ihrer Spielstärke gelangt sein.“

Dieser letzte Satz ist im Rückblick mit besonderem Gewicht versehen. Mieses, ein Veteran des klassischen Wettkampfschachs, beschrieb seine 36-jährige Bezwingerin nicht als bereits etablierte, sondern als gerade erst zur vollen Reife gelangende Spielerin – als jemanden, dessen eigentliche Karriere noch bevorstand. Zwei Jahre später war Menchik tot.

Das tragische Nachspiel: 27. Juni 1944

Am 27. Juni 1944, etwas mehr als zwei Jahre nach dem Wettkampf, schlug eine deutsche V-1-Rakete im Haus 47 Gauden Road, Clapham, im Süden Londons ein. Vera Menchik, ihre Mutter Olga (verheiratete Rubery) und ihre Schwester Olga Menchik kamen gemeinsam ums Leben. Vera Menchik war achtunddreißig Jahre alt.

Der Frauen-Weltmeistertitel, den sie seit 1927 siebzehn Jahre lang ungebrochen gehalten hatte, blieb nach ihrem Tod sechs Jahre lang vakant. Erst 1950 wurde mit der sowjetischen Meisterin Ljudmila Rudenko eine Nachfolgerin ermittelt.

Auch Mieses’ Leben war von der V-1-Welle berührt. Im selben Sommer 1944 wurde sein Wohnhaus in der Edith Road in Kensington bei einem Angriff so schwer beschädigt, dass er evakuiert werden musste. Dass Menchik ihn überlebt habe, hätte er nach den Maßstäben aller Wahrscheinlichkeit erwartet; das Gegenteil traf ein.

Quellen

  • Robert B. Tanner, Vera Menchik: A Biography. Der Wettkampf wird dort als das erste ernsthafte Match einer Frau gegen einen starken Meister eingeordnet (zitiert nach Edward Winter, Chess Notes C.N. 10191).
  • Die Zeitung (London), wöchentliche Schach-Spalte „Schach. Bearbeitet von J. Mieses“. Sechs Hefte zwischen Mai und Juni 1942, jeweils S. 9: Freitag, 15. Mai 1942 (Vorbericht „Damen am Schachbrett“ mit Spielort-Bekanntgabe); 29. Mai 1942 (Partien 1 und 2); 5. Juni 1942 (Partien 3 und 4); 12. Juni 1942 (Partien 5 bis 7, mit Foto Menchik–Mieses am Brett); 19. Juni 1942 (annotierte Notation der siebten Partie); 26. Juni 1942 (Endresümee mit öffentlicher Würdigung Menchiks). Bestände: Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt, erschlossen für das Mieses-Biographie-Projekt von Johannes Geppert, Mai 2026.
  • Brief Jacques Mieses an Adolf Seitz, London 1945.
  • Edward Winter, Chess Notes C.N. 11981, mit den Belegen zum V-1-Tod Vera Menchiks am 27. Juni 1944.

Editorischer Hinweis

Mit sechs jetzt vollständig erschlossenen Mieses-Spalten in Die Zeitung (15. Mai bis 26. Juni 1942) ist die Numerierung der Partien geklärt. Mieses verzählte sich im Endresümee vom 26. Juni um eine Position; die annotierte Partie vom 5. Juni ist die siebente des Wettkampfs.

Aus der kommenden Biographie

Der Wettkampf Menchik–Mieses 1942 wird in Jacques Mieses. Sieben Jahrzehnte in der Schacharena (JUG Verlag, Q1 2027) im vollen biographischen Zusammenhang behandelt. Die Buchfassung enthält die ausführliche Auswertung aller sechs Mieses-Spalten in der Londoner Exilzeitung Die Zeitung, einschließlich der literarisch-historischen Selbstverortung Mieses’ im Vorbericht vom 15. Mai 1942, den Briefwechsel mit Adolf Seitz und die Einordnung in die Geschichte der ersten ernsthaften Begegnungen zwischen Frauen und Großmeistern im 20. Jahrhundert.

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Zum Forschungsstand

Die hier vorgestellten Materialien aus der Londoner Exilzeitung Die Zeitung wurden zwischen März und Mai 2026 für das Mieses-Biographie-Projekt von Johannes Geppert erschlossen. Beschaffung der Reproduktionen durch Richard Forster (Winterthur) aus dem Bestand der Zentralbibliothek Zürich.

Bei Zitierung dieser Seite oder einzelner Quellen aus ihr wird um den Hinweis gebeten: Johannes Geppert, mieses.info, abgerufen am [Datum], ORCID 0009-0004-6545-3067.

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