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Wettkampf Mieses–Janowski

Paris, 8. Januar bis 4. Februar 1895

Vierzehn Partien im Café de la Régence. Nach fünf Partien lag Mieses mit einem Sieg gegen drei zurück, gewann dann vier Partien in Folge und führte fünf zu drei. Eine Erkrankung während der zwölften Partie und drei Niederlagen hintereinander drehten den Wettkampf noch einmal; mit einem Sieg in der vierzehnten und letzten Partie glich Mieses zum Sechs zu Sechs aus. Danach einigten sich beide auf ein Wettkampf-Remis.

Format und Bedingungen

Gespielt wurde vom 8. Januar bis zum 4. Februar 1895 im Café de la Régence, 161 Rue Saint-Honoré in Paris. Der Beginn war um eine Woche verschoben worden. Die Deutsche Schachzeitung druckte die Bedingungen in ihrer Januar-Nummer ab:

  • Sieger ist, wer zuerst sieben Partien gewinnt. Die ersten vier Remispartien zählen nicht, jede weitere Remispartie zählt ½.
  • Bedenkzeit 18 Züge pro Stunde.
  • Gespielt wird täglich von 13:30 bis 18:30 Uhr, außer dienstags und sonntags. Ausnahme: Dienstag, der 8. Januar, als Eröffnungstag.
  • Einsatz 800 Francs je Seite.

Diese Bedingungen sind bereits die korrigierte Fassung. Während des Wettkampfs wurden sie nachträglich angepasst: von 20 auf 18 Züge pro Stunde, die tägliche Spielzeit von sechs auf fünf Stunden verkürzt, der Dienstag zusätzlich spielfrei. Die Deutsche Schachzeitung gibt bereits die geänderten Werte wieder.

Gespielt wurde nicht im Gastraum, sondern in einem stillen Hinterzimmer des Cafés. Zutritt hatten nur die Sekundanten, die Geldgeber, Pressevertreter und Inhaber besonderer Einlasskarten; die Tagesergebnisse wurden öffentlich im Café ausgehängt. Diese Angaben stützen sich auf zeitgenössische Presseberichte.

Quelle der Bedingungen: Deutsche Schachzeitung, Nr. 1, Januar 1895, S. 27.

Porträt des Schachmeisters Dawid Janowski
Dawid Janowski (1868–1927), Mieses’ Gegner im Pariser Wettkampf.

Verlauf

Der Wettkampf begann für Mieses schlecht. Nach fünf Partien führte Janowski mit drei Siegen gegen einen, dazu ein Remis. Die fünfte Partie endete durch Patt.

Dann kehrte sich das Bild um: Mieses gewann die Partien 6, 7, 8 und 9 in Folge und lag mit fünf zu drei vorn. Zwei Gewinnpartien fehlten ihm noch zum Matchsieg. Die zehnte Partie blieb nach zwei Sitzungen remis.

Janowski antwortete seinerseits mit drei Siegen in Folge – den Partien 11, 12 und 13 – und ging mit sechs zu fünf in Führung. Mieses gewann die vierzehnte und letzte Partie am 4. Februar zum 6:6. In den ungeraden Partien führte Janowski Weiß, in den geraden Mieses.

Partie Datum 1895 Weiß Schwarz Eröffnung Ergebnis Notation
18. JanuarJanowskiMiesesSpanische Partie1–0 JanowskiDSZ Nr. 5783
29. JanuarMiesesJanowskiUnregelmäßiges Springerspiel (Alapin, 2.Se2)0–1 JanowskiDSZ Nr. 5784
310. JanuarJanowskiMiesesDamenbauernspiel (Stonewall)0–1 MiesesDSZ Nr. 5785
411. JanuarMiesesJanowskiWiener Partie0–1 JanowskiDSZ Nr. 5786
512. JanuarJanowskiMiesesSpanische Partie½–½ (Patt)DSZ Nr. 5787
614. JanuarMiesesJanowskiWiener Partie1–0 MiesesDSZ Nr. 5793
717. JanuarJanowskiMiesesSpanische Partie0–1 MiesesDSZ Nr. 5794
818./19. JanuarMiesesJanowskiWiener Partie1–0 MiesesPresse
921. JanuarJanowskiMiesesSpanische Partie (7.d4)0–1 MiesesDSZ Nr. 5815
1024./26. JanuarMiesesJanowskiWiener Partie½–½Presse
1126. JanuarJanowskiMiesesSpanische Partie1–0 JanowskiDSZ Nr. 5795
121. FebruarMiesesJanowskiWiener Partie0–1 JanowskiDSZ Nr. 5796
13Anfang FebruarJanowskiMiesesDreispringerspiel1–0 JanowskiPresse
144. FebruarMiesesJanowskiWiener Partie1–0 MiesesDSZ Nr. 5797
Endstand: Mieses 6, Janowski 6, 2 Remis — Wettkampf remis.

Zwei Spieler, ein Temperament

Dass dieser Wettkampf so heftig hin und her schlug, lag auch daran, dass sich hier zwei Spieler gegenübersaßen, die dieselbe Schwäche und dieselbe Stärke hatten. Die Deutsche Schachzeitung hielt in ihrer Gesamtwürdigung fest:

„Beide haben einen naturalistischen Zug, indem sie sich nur wenig um die von der Theorie aufgestellten Principien kümmern, sondern es lieben, ihre eigenen Wege zu wandeln.“

Deutsche Schachzeitung, Nr. 3, 1895, S. 91

Aus diesem gemeinsamen Zug folgte, was den Verlauf erklärt – lange Siegesserien auf beiden Seiten, kaum ein Remis:

„Den Angriff spielen Janowski und Mieses sehr gern, in der Vertheidigung aber fühlen sie sich nicht wohl und suchen gewöhnlich ihr Heil in einem kühnen Gegenangriff.“

Deutsche Schachzeitung, Nr. 3, 1895, S. 91

Die beiden blieben einander verbunden: Fünf Jahre später gewann Mieses gegen Janowski in Paris 1900 eine Partie mit der Wiener Eröffnung, die den ersten Schönheitspreis erhielt.

Erkrankung und Entscheidung

Beide Spieler waren im Lauf der vier Wochen angeschlagen. Vor der zehnten Partie vermerkte ein Kabelbericht eine Unpässlichkeit Janowskis. Mieses erkrankte während der zwölften Partie – mitten in Janowskis Schlussserie. Am 5. Februar schrieb er nach New York, er habe dadurch seine Chance auf den Matchsieg eingebüßt.

Die Substanz forderte auch der Modus: Die achte Partie dauerte über acht Stunden und musste vertagt werden, die zehnte zog sich über zwei Sitzungen.

Nach Mieses’ Ausgleich in der vierzehnten Partie stand es sechs zu sechs bei zwei Remisen – nach den Bedingungen aber hätte erst der siebte Sieg entschieden. Beide einigten sich daraufhin auf ein Wettkampf-Remis. Ein Londoner Bericht erklärte das Zustandekommen so: Beide Spieler hätten eingewilligt, den Wettkampf als remis zu werten; da sieben Gewinnpartien verlangt waren, habe keiner von ihnen den Einsatz von 800 Francs je Seite vom Ausgang einer einzigen Partie abhängig machen wollen.

„both players have consented to make a draw of it, the score being six each and two draws. The match being seven games up, neither of them wanted to risk the stakes, 800 francs a-side, upon the issue of one game.“

The Standard, London, Februar 1895

Zwei Partien zum Nachspielen

Von den vierzehn Partien sind hier die beiden Mieses-Siege wiedergegeben, die den Wettkampf gewendet haben: der Beginn der Aufholjagd und der Ausgleich in der Schlusspartie. In beiden führte Mieses Weiß und eröffnete mit der Wiener Partie.

Sechste Partie: Der Beginn der Aufholjagd

Der erste von vier Siegen in Folge. Zum 25. Zug a4 vermerkt die Deutsche Schachzeitung: „Weiss führt die Partie nun mit einer sehr eleganten Combination zu Ende.“ Der Schlusszug 28.Sg6+ ist ein Abzugsschach der Dame auf g7, das zugleich die schwarze Dame angreift. Brillant und fehlerhaft zugleich: Dieselbe Zeitung tadelt Mieses in dieser Partie mehrfach und weist unter anderem einen einfacheren Gewinnweg im 17. Zug nach.

Vierzehnte Partie: Der Ausgleich in letzter Minute

Janowski führte mit sechs zu fünf Siegen; mit dieser Partie glich Mieses aus. Die Deutsche Schachzeitung nannte sie in ihrem Rückblick das Musterbeispiel seines Angriffsstils: Er führe den Angriff „geradezu meisterhaft“ und spiele den Schluss „in der ihn auszeichnenden prickelnd eleganten Art“. Zum 17. Zug h4 heißt es in den Anmerkungen: „Jetzt ist Mieses in seinem Elemente: der stürmische Angriff wird mit aller Kraft geführt.“ Nach dem 30. Zug kündigte Mieses ein Matt in drei Zügen an; die folgenden Züge in der Notation sind daher nicht gespielt, sondern die angekündigte Mattführung.

Abschied aus Paris

Der Wirt des Café de la Régence, Monsieur Néron, bescheinigte Mieses zum Abschied, er sei „d’une courtoisie parfaite“ gewesen und werde gute Erinnerungen hinterlassen. Mieses seinerseits rühmte die Sympathie der Stammgäste – dehnte das Kompliment aber ausdrücklich nicht auf seinen Gegner aus. Nach The Standard, London, Februar 1895.

Quellen

  • Deutsche Schachzeitung, 50. Jahrgang (1895): Nr. 1, S. 27 (Bedingungen, Zwischenstand); Nr. 2, S. 42–48 (Partien 1–5) und S. 59 (Endstand); Nr. 3, S. 70–76 (Partien 6, 7, 11, 12, 14) und S. 91–92 (Gesamtwürdigung); Nr. 5, S. 139–140 (Partie 9).
  • New York Herald, 5. Februar 1895, „A Drawn Match at Paris“ (Gesamtübersicht aller vierzehn Partien).
  • New York Tribune, 17. Februar 1895, S. 25 (Partien 12 bis 14; Mieses’ Brief über seine Erkrankung).
  • Evening Herald, 2. und 9. Februar 1895 (Verlaufsberichte).
  • The Standard, London, Februar 1895 (Match-Remis, Abschied aus Paris).
  • Zeitgenössische Berichte der New Yorker Presse (Spielort und Begleitumstände).

Die Endstandsmeldung der Deutschen Schachzeitung lautet: „Der Wettkampf Mieses-Janowski ist Montag den 4. Februar beendet worden. Jeder der beiden Spieler hat 6 Partieen gewonnen, während 2 Partieen remis wurden.“ (Nr. 2, 1895, S. 59)

Die genauen Ausgabedaten einzelner Presseberichte werden derzeit noch an den Originalscans verifiziert.

Aus der kommenden Biographie

Der Wettkampf gegen Janowski wird in Kapitel 4 der Mieses-Biographie von Johannes Geppert behandelt (JUG Verlag, Q1 2027).

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