Blindschach-Wettkampf Schlechter–Mieses
Stuttgart, 13.–15. Januar 1909
Mieses' Vorabartikel: Nachts arbeitet die Phantasie
Am Vorabend des Wettkampfs, dem 12. Januar 1909, hatte das Stuttgarter Neue Tagblatt einen Artikel von Mieses unter dem Titel „Das Blindlingsspiel beim Schach“ gedruckt. Er definierte das Haupterfordernis nicht als Gedächtnis, sondern als plastische Vorstellungskraft. Der Spieler müsse „das Bild der jeweiligen Stellung so lebhaft vor seinem inneren Auge sehen, als ob das Brett vor ihm stünde.“
Eine Beobachtung aus dem Artikel ließ aufhorchen. Mieses habe an sich selbst festgestellt, dass ihm das Blindspiel am Tage schwerer falle als zur Nachtzeit. „Ich erkläre mir dies damit, dass die Phantasie, die ja beim Blindspiel stärker als beim gewöhnlichen Spiel in Anspruch genommen wird, nachts am lebhaftesten arbeitet.“ Gespielt werde in Stuttgart von acht bis zwölf Uhr abends, „also zu einer für das Blindspiel geeigneten Tageszeit.“
Quelle: Stuttgarter Neues Tagblatt Nr. 8, 12. Januar 1909. Faksimile in Martin Ramsauer, Schach in Württemberg Bd. 1, Marbach 2013.
Format und Bedingungen
Spielort war der Vorsaal des Königsbaus in Stuttgart, Königstraße 26 am Schloßplatz. Drei Partien an drei aufeinanderfolgenden Abenden vom 13. bis 15. Januar 1909, jeweils von 20 bis 24 Uhr. Bedenkzeit: fünfzehn Züge pro Stunde. Eintritt: fünfzig Pfennig für den Einzelabend, eine Mark für die Dauerkarte. Den Vorsitz führte Otto Rosenfeld, Vorsitzender des Stuttgarter Schachklubs.
Die beiden Meister nahmen an getrennten Tischen Platz, ohne Schachbrett. Ihre Züge wurden einem Vermittler diktiert und auf einem großen Demonstrationsbrett vorgeführt. An den Nebentischen saßen die Schachfreunde über eigenen Brettern und analysierten den Fortgang. Annotationen wurden zeitgenössisch von zwei Schachjournalisten geliefert: Schlechter selbst für die Deutsche Schachzeitung, deren Mitherausgeber er zu jener Zeit neben Johann Berger war, und Leopold Hoffer für The Field in London.
Verlauf
| Partie | Datum | Anzug | Eröffnung | Ergebnis | Annotator |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 13.1.1909 | Schlechter | Skandinavische | 0–1 Mieses | DSZ, The Field |
| 2 | 14.1.1909 | Mieses | Göring-Gambit | ½–½ | DSZ, The Field |
| 3 | 15.1.1909 | Schlechter | Skandinavische | 0–1 Mieses | DSZ |
| Endergebnis | Mieses 2½, Schlechter ½ (+2 =1 −0) | ||||
Erste Partie: Das ABC-Matt
Otto Rosenfeld, der Vorsitzende des Stuttgarter Schachklubs, begrüßte die Versammelten und gab einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Schachspiels. Dann schritt er zur Auslosung des Anzugs. Schlechter erhielt Weiß und eröffnete mit dem Königsbauern. Mieses antwortete mit seiner Skandinavischen. Vier Stunden später gab Schlechter auf. Was die Wiener Schachzeitung später als „ABC-Matt“ bezeichnete, ereignete sich im 28. Zug: Schlechter zog mit dem falschen Turm zurück und ließ Schwarz ein elementares Damenmatt auf der ersten Reihe.
„ABC-Matt“
Erste Partie: Schlechter gegen Mieses
Skandinavische Verteidigung mit Hoffer-Annotationen aus The Field und Schlechter-Annotationen aus der DSZ.
Zweite Partie: Bauernopfer und ungleiche Läufer
Am Donnerstag, dem 14. Januar, eröffnete Mieses mit 1.e4 e5, Schlechter antwortete mit dem klassischen Königsspringer-Aufmarsch. Mieses griff zum Göring-Gambit, jener seltenen Variante der Schottischen Eröffnung, in der Weiß einen zweiten Bauern für schnelle Entwicklung opfert. Schlechter nahm an, gab einen weiteren Bauern zurück und steuerte ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern an, in dem ein Mehrbauer für Schwarz nicht zum Sieg ausreichte.
Nach neununddreißig Zügen war die Stellung remis. Es war die einzige Partie des Wettkampfs, in der keiner der beiden Meister einen klaren Vorteil herausholen konnte. Schlechter kommentierte das Endspiel später in der Deutschen Schachzeitung mit einem auffallend langen Variantenkomplex, in den auch der polnische Meister Dawid Przepiórka eingriff.
Quelle: Annotationen Schlechter (DSZ 1909, Februar-Heft, S. 48 f.) und Hoffer (The Field 1909). Notation aus DSZ 1909, Januar-Heft, S. 17.
Zweite Partie: Mieses gegen Schlechter
Göring-Gambit mit Schlechter-Annotationen aus der DSZ und Hoffer-Annotationen aus The Field.
Dritte Partie: Damenopfer und Freibauern
Am Freitagabend, dem 15. Januar, war das Publikum noch zahlreicher erschienen als an den Vorabenden. Wieder spielte Schlechter 1.e4, wieder antwortete Mieses 1...d5. Im elften Zug opferte Mieses die Dame gegen einen Turm und zwei Leichtfiguren. Schlechter setzte zum Königsangriff in der Brettmitte an, aber Mieses hatte tiefer gerechnet. Zwei Freibauern auf der b-Linie machten den Rest. Nach vierundvierzig Zügen gab Schlechter die Waffen.
„This novel match was played at Stuttgart in January, and aroused the keenest interest. The quality of the games can only be described as amazing.“
Dritte Partie: Schlechter gegen Mieses
Skandinavische Verteidigung mit Schlechter-Annotationen aus der DSZ.
Tarraschs Urteil
Eine Woche später kommentierte Siegbert Tarrasch im Berliner Lokalanzeiger das Ergebnis als überraschend, denn „heutzutage versteht wohl jeder bessere Spieler eine Blindpartie ungefähr mit derselben Stärke durchzuführen wie eine am Brett gespielte“. Bei Mieses komme aber das Spezialistentum hinzu. Otto Rosenfeld schloss die Veranstaltung mit der Bemerkung, der Schachklub Stuttgart könne „ohne unbescheiden zu sein, auf die Veranstaltung dieses neuartigen Wettkampfes stolz sein“.
Tarrasch im Berliner Lokalanzeiger, Unterhaltungsblatt Nr. 18, 22. Januar 1909; Rosenfeld zitiert nach Stuttgarter Neuem Tagblatt Nr. 12, 16. Januar 1909.
Schlechter als sein eigener Kommentator
Eine kleine Ironie der Pressegeschichte: Der unterlegene Spieler war derjenige, der den Wettkampf in der wichtigsten deutschen Fachzeitschrift selbst kommentierte. Carl Schlechter saß zur Zeit des Stuttgarter Wettkampfs in Wien als Mitherausgeber der Deutschen Schachzeitung neben Johann Berger. Bereits im Januar-Heft erschienen die Notationen der ersten beiden Partien auf den Seiten 16 und 17. Im Februar-Heft folgte Schlechters ausführliche Würdigung mit Annotationen zu allen drei Partien auf Seite 48 f., in der er die eigenen Fehler offen benannte.
Quellen
- Stuttgarter Neues Tagblatt, Nr. 8 (12.1.1909), Nr. 10 (14.1.1909), Nr. 12 (16.1.1909). Beilage „Aus Leben, Kunst und Wissenschaft“ Nr. 16 vom 21.1.1909.
- Württembergische Zeitung Nr. 10, 14. Januar 1909.
- Deutsche Schachzeitung, Jahrgang 64 (1909), Januar-Heft, S. 16 (Notation Partie 1) und S. 17 (Notation Partie 2); Februar-Heft, S. 48 f. (Schlechters Annotationen aller drei Partien).
- The Field, London 1909, Annotationen Leopold Hoffer.
- Wiener Schachzeitung 1909, S. 55 (das ABC-Matt).
- American Chess Bulletin Vol. 6, 1909, S. 112.
- The Year Book of Chess 1910, S. 16 f.
- Berliner Lokalanzeiger, 22. Januar 1909 (Tarrasch).
- Jacques Mieses, Das Blindspielen, Leipzig 1918, S. 41.
- Martin Ramsauer, Der Blindschach-Wettkampf zwischen Jacques Mieses und Carl Schlechter in Stuttgart, 13.–15. Januar 1909, Schach in Württemberg Bd. 1, Marbach 2013.
- Martin Ramsauer, „Neues von alten Meistern: Mieses, Lasker, Schlechter, Tarrasch und Fahrni in Stuttgart 1903–1913“, in: Festschrift Egbert Meissenburg: Schachforschungen, hrsg. v. Siegfried Schönle, Wien 2008, S. 574–595.
Aus der kommenden Biographie
Die ausführliche Geschichte des Stuttgarter Wettkampfs, mit Mieses' eigener Reflexion über die nachts arbeitende Phantasie, findet sich im Kapitel zur Hochzeit seiner Karriere in der kommenden Biographie von Johannes Geppert (JUG Verlag, Q1 2027).
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