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Wettkampf Tarrasch–Mieses

Berlin, 9. September bis 5. Oktober 1916

Jacques Mieses um 1916, im Jahr des Berliner Wettkampfs gegen Tarrasch
Jacques Mieses um die Zeit des Wettkampfs. Quelle: Familienarchiv Geppert
Der letzte große deutsche Schachwettkampf des Ersten Weltkriegs. Ausgelöst durch eine Berliner Pressefehde im Mai 1916, ausgetragen im Café Kerkau, geleitet vom amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker, gewonnen mit 7–2 bei 4 Remisen von Siegbert Tarrasch. Der Preis: ein halbes Pfund Butter.

Vorgeschichte: Die Mai-Partien

Im Frühjahr 1916 unternahm Tarrasch eine Schachreise durch deutsche Städte. Mieses lud ihn am 14. Mai 1916 in den Berliner Café Kerkau ein, wo sie zwei ernste Partien spielten. Mieses gewann die erste mit Schwarz nach 38 Zügen (Französische Verteidigung gegen Tarraschs unglücklich gewählten Aufbau 3.Ld3); die zweite endete remis.

In seinen Schachkolumnen verkündete Mieses den Sieg im „kleinen Wettkampf“. Tarrasch verlangte eine Berichtigung; die Zeitungen lehnten ab. Tarrasch forderte daraufhin den richtigen Wettkampf, um „seine gekränkte Ehre wiederherzustellen“.

Quelle: Tarrasch, Matchbuch 1916, Vorwort.

Format und Bedingungen

Vom 9. September bis 5. Oktober 1916 im Café Kerkau, Behrenstraße/Friedrichstraße in Berlin. Sieg ursprünglich durch fünf Gewinnpartien, später auf sieben erweitert. Bedenkzeit: 15 Züge pro Stunde. Spielzeit: werktags 16:30 bis 21:30 Uhr, sonntags 15:30 bis 21:00 Uhr. Spielfreie Tage: Montag und Dienstag generell, plus drei freie Tage zur Wahl pro Spieler.

Schiedsrichter: Emanuel Lasker, amtierender Weltmeister. Lasker eröffnete den Wettkampf mit einer Ansprache, musste während der vier Wochen aber kein einziges Mal als Schiedsrichter eingreifen.

Organisator: Jacques Mieses selbst, mit Josef König (Lokalbesitzer) als Gastgeber und Bernhard Kagan (Verleger) im Hintergrund. Kassierer: Paul Dyrenfurth.

Friedrichstraße 59-60 Berlin, ehemaliger Standort des Café Kerkau
Friedrichstraße 59-60 in Berlin, am ehemaligen Standort des Café Kerkau. Bildquelle: Wikipedia.

Preise

Der Deutsche Schachbund lehnte eine Förderung ab, der eingeschriebene Brief der Spieler blieb unbeantwortet. Drei externe Stiftungen kamen zustande:

  • 100 Mark vom Stuttgarter Kommerzienrat Otto Rosenfeld (Vorsitzender Schwäbischer Schachbund) für die schönste Partie. Ging an Tarrasch (3. Partie).
  • 100 Mark vom Kölner Schachfreund Kurt Steinweg für die bestgespielte Partie. Ging an Mieses (8. Partie).
  • Ein halbes Pfund Butter, gestiftet von Fritz Neuhaus, cand. med. aus Herleshausen bei Eisenach. Wegen der Wettkampfdauer teilten die Spieler die Butter pragmatisch unter sich auf, „im Sinne des freundlichen Spenders“ (Tarrasch).

Verlauf

PartieDatumAnzugZügeEröffnungErgebnisSpielzeit
19. Sept.Tarrasch36Französisch1–0 Tarrasch4½ Std.
210. Sept.Mieses42SchottischRemis4 Std.
313. Sept.Tarrasch20Französisch1–0 Tarrasch2 Std.
414. Sept.Mieses31Schottisch0–1 Tarrasch4 Std.
516. Sept.Tarrasch31Französisch1–0 Tarrasch3½ Std.
617. Sept.Mieses26SchottischRemis3 Std.
720. Sept.Tarrasch32FranzösischRemis3 Std.
821./22. Sept.Mieses57Schottisch1–0 Mieses6½ Std.
923./24. Sept.Tarrasch41Französisch1–0 Tarrasch5½ Std.
1024./27. Sept.Mieses37Schottisch0–1 Tarrasch5 Std.
1128./29. Sept.Tarrasch56FranzösischRemis7½ Std.
121./4. Okt.Mieses64Schottisch1–0 Mieses8 Std.
135. Okt.Tarrasch19Französisch1–0 Tarrasch2½ Std.
EndergebnisTarrasch 7, Mieses 2, 4 Remis

Krankheit und Verlängerung

Mieses zog sich von der dritten bis zur fünften Partie einen Katarrh zu und verlor in dieser Phase 0–3, was Tarrasch im Vorwort selbst als spielentscheidend beschrieb. Eine eifrige Stammbesucherin namens Dora Hiller, deren größtes Vergnügen der tägliche Besuch war, regte vor der sechsten Partie an, das Format auf sieben Gewinnpartien zu verlängern.

Tarrasch erkrankte später an Influenza und ließ in der elften Partie „die einfachsten Gewinnspiele“ aus.

Mieses’ beide Sieg-Partien

Beide Mieses-Siege erfolgten mit der Schottischen Partie (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4).

Achte Partie: Mieses gewinnt den Schönheitspreis

Diese Partie erhielt von einer Kölner Jury unter der Leitung von Kurt Steinweg den Sonderpreis von hundert Mark als „bestgespielte Partie“ des Wettkampfs. Tarrasch hielt diese Auszeichnung für fragwürdig und vermerkte in seinem Matchbuch trocken, sie habe „allgemeines Kopfschütteln erregen dürfen“. Die annotierte Notation stammt aus eben diesem Matchbuch und enthält Tarraschs eigene Bewertung der Partie aus Schwarzer Sicht.

Zwölfte Partie: Acht Stunden, ein Turmopfer, Influenza

In dieser Partie hätte Schwarz nach Tarraschs eigener Analyse mehrfach gewinnen müssen. Mit dem 26. Zug f7-f5 war eine entscheidende Vereinfachung möglich. Tarrasch versäumte sie und führt diesen und weitere Fehler in seinen Anmerkungen offen auf seine Influenza-Erkrankung zurück: „In den fünf ersten Partien sind bei mir derartige Unterlassungsfehler niemals vorgekommen; von da an aber, wo ich an der Influenza und ihren Nachwirkungen litt, ermüdete ich leicht.“ Mieses verteidigte die nominell verlorene Stellung mit dem „glänzenden Zug“ 41.Df5! über mehr als zwanzig Züge bis zum Sieg im Bauernendspiel.

Pressewirkung

Berliner Lokal-Anzeiger, Berliner Tageblatt, Vossische Zeitung, B.Z. am Mittag berichteten regelmäßig. Auswärts: Münchener Neueste Nachrichten, Fränkischer Kurier, Breslauer Zeitung, Frankfurter Zeitung. International: Berlingske Tidende (Kopenhagen), Stockholmer Presse, in den USA Washington Post, Commercial Appeal (Memphis).

Tarraschs Würdigung

Tarrasch zog im Vorwort seines Matchbuchs eine ironisch-respektvolle Bilanz von Mieses’ Wettkampfkarriere: gegen Janowski und Walbrodt remis (beide „kamen mit blauem Auge davon“), Marshall siegte 5–4 („wenn man dies noch einen Sieg nennen kann“), gegen Leonhardt und Schlechter blieb Mieses Sieger, gegen Rubinstein gewann er die ersten drei Partien „in glänzendem Stile“ und unterlag schließlich „ehrenvoll“ mit 5–3.

Sein Schluss: „So braucht sich Mieses seines Mißerfolges nicht zu schämen; er befindet sich dabei in bester Gesellschaft.“

Drei Beobachtungen aus den Anmerkungen

1. Tarraschs Influenza-Erkrankung. In der Anmerkung zu Zug 27 der zwölften Partie räumt Tarrasch offen ein, dass er ab der sechsten Partie an Influenza litt und dadurch in der entscheidenden Phase ermüdete und die einfachsten Gewinnspiele übersah. Das ist die quellengestützte Bestätigung der Krankheitsepisode, die er auch im Vorwort beschreibt, hier aber in ungeschöntem Selbstbekenntnis innerhalb einer einzelnen Partie.

2. Das Schiller-Zitat als Eröffnungslehre. In der Anmerkung zu Zug 8 der zwölften Partie zitiert Tarrasch aus „Wallensteins Lager“: „Gebrauchet die Zeit, sie geht so schnell von hinnen, doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.“ Tarrasch erklärt diesen Vers zum „Leitmotiv jeder Eröffnung“. Eine schöne Charakterisierung Tarraschs als Lehrer-Typus, der Goethe und Schiller im Schachunterricht einsetzt.

3. Der Querverweis auf Capablanca. In der Anmerkung zu Zug 13 der zwölften Partie merkt Tarrasch an, sein Damenzug 13...Df5 sei „viel stärker als der stumpfe Zug Tad8, den Capablanca an dieser Stelle (in seiner Partie gegen Tartakower) machte“. Das zeigt, wie sehr Tarrasch das Matchbuch nicht nur als Dokumentation des eigenen Wettkampfs, sondern als Eröffnungstheorie konzipierte, die spätere Partien anderer Meister kritisch einordnet.

Quellen

  • Siegbert Tarrasch, Der Schachwettkampf Tarrasch–Mieses im Herbst 1916, Veit & Comp., Leipzig 1916. 102 Seiten. Vorwort „Geschichte des Wettkampfes“ S. 1–7. Achte Partie mit Anmerkungen S. 45–54, zwölfte Partie mit Anmerkungen S. 75–85.
  • Washington Post, 5. August 1917, S. 7 (13. Partie).
  • Commercial Appeal (Memphis), 24. Dezember 1916, S. 19 (Mieses-Gewinnpartie).
  • Tidskrift för Schack 1916.
Titelblatt: Der Schachwettkampf Tarrasch-Mieses im Herbst 1916

Tarraschs Matchbuch von 1916 – die Hauptquelle für diesen Wettkampf.

Zum Buch

Aus der kommenden Biographie

Der Wettkampf Tarrasch–Mieses 1916 wird ausführlich behandelt in der Mieses-Biographie von Johannes Geppert (JUG Verlag, Q1 2027). Alle dreizehn Partien mit vollständigen Anmerkungen, Presseberichte und bisher unveröffentlichte Quellen.

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