Hastings Schachkongress 1895
Das „Turnier des Jahrhunderts" – 20. Platz (7½/21)
Turnier-Überblick
- Datum: 5. August – 2. September 1895
- Ort: Brassey Institute, Hastings, England
- Schirmherrschaft: Herzog von York
- Eröffnung: John Watson (Vorsitzender Hastings Chess Club), Bürgermeister Weston, MP Lucas Shadwell
- Format: Einzelrundenturnier, 22 Spieler, 21 Runden
- Bedenkzeit: 30 Züge in 2 Stunden, danach 15 Züge/Stunde
- Spieltage: Mo, Di, Mi, Fr, Sa (13–17 Uhr und 19–22 Uhr); Do für Hängepartien
- Besonderheit: Erstmals rundenweise Auslosung (statt Gesamtauslosung) zur Betrugsbekämpfung
- Sieger: Harry Nelson Pillsbury (USA), 16½/21
- Mieses' Ergebnis: 20. Platz (geteilt), 7½/21
Preisfonds
Die Preise waren für damalige Verhältnisse beachtlich – die DSZ rechnete sie für ihr deutsches Publikum in Mark um:
| Platz | Preis (Mark) | ca. in £ | Gewinner |
|---|---|---|---|
| 1. | 3.000 | £150 | Pillsbury |
| 2. | 2.300 | £115 | Tschigorin |
| 3. | 1.700 | £85 | Lasker |
| 4. | 1.200 | £60 | Tarrasch |
| 5. | 800 | £35 | Steinitz |
| 6. | 600 | £30 | Schiffers |
| 7. (geteilt) | 400 | £20 | v. Bardeleben / Teichmann |
Zusätzlich: 20 Mark Trostgeld pro Sieg für Nicht-Preisträger, 40 Mark bei Sieg gegen Top-3-Spieler. Startgeld: 100 Mark pro Spieler. Sonderpreis: Goldener Ring für die meisten angenommenen Evansgambits (gewonnen von Tschigorin). Mieses' Bilanz: Bei 4 Siegen erhielt er ca. 80 Mark Trostgeld – bei 100 Mark Startgeld ein Nettoverlust, dazu kamen Reise- und Aufenthaltskosten.
Historische Bedeutung
Die DSZ (Nr. 8, S. 261) zitierte die Frankfurter Zeitung, die ein Feuilleton unter der Überschrift „Die neue Schlacht bei Hastings" veröffentlichte – ein Rückgriff auf die Schlacht von 1066. Hastings 1895 gilt als Wendepunkt der Schachgeschichte: Erstmals traten alle führenden Spieler der Welt in einem einzigen Turnier an. Die DSZ schrieb vom „Viergestirn Lasker–Steinitz–Tarrasch–Tschigorin", dessen gemeinsame Teilnahme dem Turnier „allein schon eine schachhistorische Bedeutung" gebe.
38 Meister hatten sich beworben; das Komitee reduzierte auf 22, geordnet nach Nationen: England 8 Plätze (darunter Lasker und Teichmann, die die DSZ als „Deutschland entlehnte" Meister bezeichnete), Deutschland 4, Österreich 2, Russland 2, Amerika 4, Frankreich und Italien je 1. Der prominenteste Abgelehnte war Szymon Winawer, dem man nicht gestattete, unter einem Pseudonym mitzuspielen.
Der junge Pillsbury – sein erstes internationales Turnier – überraschte die Schachwelt mit seinem Sieg „durch die Kraft und Eleganz seines Spieles". Die DSZ feierte: „Auf ihm hat das vornehme Combinationsspiel nach langem Schlaf seine glänzende Auferstehung gefeiert."
Endstand
| # | Spieler | Land | Punkte | Preis |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Pillsbury | USA | 16½ | I. Preis, £150 |
| 2 | Tschigorin | Russland | 16 | II. Preis, £115 |
| 3 | Lasker | England* | 15½ | III. Preis, £85 |
| 4 | Tarrasch | Deutschland | 14 | IV. Preis, £60 |
| 5 | Steinitz | USA | 13 | V. Preis, £35 |
| 6 | Schiffers | Russland | 12 | VI. Preis, £30 |
| 7–8 | v. Bardeleben | Deutschland | 11½ | VII. Preis (geteilt), £20 |
| 7–8 | Teichmann | England* | 11½ | VII. Preis (geteilt), £20 |
| 9 | Schlechter | Österreich | 11 | |
| 10 | Blackburne | England | 10½ | |
| 11 | Walbrodt | Deutschland | 10 | |
| 12–14 | Burn | England | 9½ | |
| 12–14 | Janowski | Frankreich | 9½ | |
| 12–14 | Mason | England | 9½ | |
| 15–16 | Bird | England | 9 | |
| 15–16 | Gunsberg | England | 9 | |
| 17–18 | Albin | USA | 8½ | |
| 17–18 | Marco | Österreich | 8½ | |
| 19 | Pollock | Kanada | 8 | |
| 20–21 | Mieses | Deutschland | 7½ | |
| 20–21 | Tinsley | England | 7½ | |
| 22 | Vergani | Italien | 3 |
* Lasker und Teichmann starteten für England, waren aber deutsche Staatsbürger. Die DSZ kommentierte: „Auch Lasker und Teichmann sind Deutsche, auch ihre Erfolge sind Lorbeerblätter im Kranze des deutschen Schachruhmes."
Bemerkenswert: Schiffers (nicht Schlechter!) erhielt den VI. Preis mit 12 Punkten. Schlechter ging trotz 11 Punkten leer aus – die Preise waren auf 7 begrenzt.
Quelle: Deutsche Schachzeitung, 50. Jg., Nr. 8 (August 1895), S. 249 (Ergebnistabelle)
Mieses bei Hastings 1895
Die DSZ fasste Mieses' Turnier knapp zusammen: „Der deutsche Meister J. Mieses [hat] die Hoffnungen, welche seine ersten Siege erweckten, nicht erfüllt. Immerhin hat er mit Steinitz, Dr. Tarrasch, Lasker und Tschigorin Remis gemacht, gegen Lasker musste er sogar eigentlich gewinnen."
Mieses hatte also einen guten Start, der Hoffnungen weckte, brach dann aber ein. Seine vier Remisen gegen alle vier stärksten Spieler der Welt zeigten, dass er auf höchstem Niveau mithalten konnte – seine 10 Niederlagen gegen das breite Mittelfeld offenbarten jedoch die Inkonsistenz, die sein gesamtes Schachleben kennzeichnen sollte.
Mieses' Weg nach Hastings
Die DSZ-Quellen ergeben ein aufschlussreiches Bild: Seit November 1894 war Mieses fast ununterbrochen unterwegs gewesen – Russland (Moskau, Petersburg, Dorpat), Paris (Wettkampf gegen Janowski im Café de la Régence, 8. Januar – 4. Februar 1895), London (Wettkampf gegen Teichmann im British Chess Club und Metropolitan Chess Club, Februar 1895), eine Rundreise durch England bis Glasgow (Wettkampf gegen Taubenhaus, +2 −1 =2) und schließlich ein Besuch bei Tarrasch in Nürnberg (Juni 1895).
In Nürnberg gab Mieses am 25. Juni eine Blindspielvorstellung gegen 6 Gegner im Sommerlokal des Schachclubs in der Rosenau – mit einem makellosen Ergebnis von +5 =1. Die DSZ lobte: „Die sämmtlichen Partieen wurden vom Blindlingsspieler ausgezeichnet gespielt." Sechs Wochen vor Hastings war Mieses also in exzellenter Form.
Bereits nach dem Teichmann-Match hatte die DSZ gewarnt: „Es ist Erfahrungssache, dass man gleich nach Beendigung eines grösseren Turniers oder Wettkampfes ‚schachsatt' ist, und dann wird man gewöhnlich sehr leicht auch ‚schachmatt'." Neun Monate Dauertournee könnten in Hastings ihren Tribut gefordert haben.
Mieses' Partien aus Hastings 1895
Mieses – Blackburne 1-0
Mieses' wichtigster Sieg im Turnier: Er besiegte den englischen Altmeister Joseph Henry Blackburne mit einer Königsindischen Eröffnung, die heute als „Mieses-Variante" bekannt ist (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3) – ein eröffnungstheoretisches Vermächtnis dieses Turniers.
Bird – Mieses ½–½
Ein Positionskampf gegen den 65-jährigen englischen Veteranen Henry Edward Bird. 51 Jahre später wird Mieses selbst als Achtzigjähriger den jungen Männern in Hastings gegenübersitzen – eine bemerkenswerte Symmetrie.
Partie ansehenLösungsturnier – 3. Preis
Am 22. August fand ein Lösungsturnier (Problemlöse-Wettbewerb) statt. Mieses gewann den 3. Preis (20 Mark) hinter Georg Marco (1. Preis, 60 Mark) und Carl Schlechter (2. Preis, 40 Mark) – ein oft übersehenes Detail, das seine analytischen Fähigkeiten abseits des Turnierspiels belegt.
Der letzte Überlebende
Jacques Mieses war der letzte lebende Teilnehmer des legendären Hastings-Turniers von 1895. Als er 50 Jahre später, 1945/46, erneut beim Hastings Christmas Congress antrat und dort den Schönheitspreis gewann, waren alle anderen 21 Teilnehmer von 1895 bereits verstorben.
Eine einzigartige Brücke über ein halbes Jahrhundert Schachgeschichte – vom viktorianischen England bis in die Nachkriegszeit.
Begleitereignisse
Parallel zum Meisterturnier fand im Queen's Hotel ein Hauptturnier (Amateurturnier) statt, das am 19. August begann und 32 Spieler in vier Gruppen umfasste. Erster Preisträger wurde Géza Maróczy aus Budapest, der keine einzige Partie verlor – zwei Jahre später sollte er als einer der stärksten Spieler der Welt gelten.
Bemerkenswert war auch das Damenturnier: 20 Schachfreundinnen traten in einem Haupt- und einem Nebenturnier an, organisiert von Frau W. J. Baird. Im Hauptturnier siegten Miss Fox mit 4 sowie Lady Thomas, Miss Field und Miss Finn mit je 3½ Punkten.
Am Abend des 5. September gab der Turniersieger Pillsbury eine Simultanvorstellung gegen 14 Damen des „Ladies Chess Club" mit Springervorgabe – er gewann 11, verlor 2, 1 remis.
Die Preisverleihung fand am 3. September nachmittags im Brassey Institute statt und wurde von Frau Seyer-Milward vorgenommen.
Zeitgenössische Stimmen
„Das Turnier in Hastings ist das bedeutendste, welches bisher dagewesen ist. Sein Glanz verdunkelt selbst den des Londoner Turniers von 1883."
„Am 2. September, einem in der Weltgeschichte unvergesslichen Gedenktag, einem Ruhmestag für Deutschland, fielen die Würfel der Entscheidung. Das deutsche Schachspiel erlebte dabei neue Triumphe."
Quellen
- Deutsche Schachzeitung, 50. Jg., Nr. 2–8 (1895): Turnierankündigungen (S. 59, 124, 157–158, 188, 220), Ergebnistabelle (S. 249), Turnierbericht (S. 251–264)
- Frankfurter Zeitung: „Die neue Schlacht bei Hastings" (Feuilleton, zitiert in DSZ Nr. 8)
- Cheshire, Horace F. (Hrsg.): The Hastings Chess Tournament 1895, Chatto & Windus, 1896
- Hooper, David & Whyld, Kenneth: The Oxford Companion to Chess, Oxford University Press, 1992
- Winter, Edward: Chess Notes – Artikel über Hastings 1895 und Jacques Mieses
Weitere Turniere
3. Platz – Meisterturnier-Debüt Hastings 1895
Turnier des Jahrhunderts Berlin 1897
3. Platz – Heimerfolg Wien 1898
Kaiserjubiläum Monte Carlo 1903
7. Platz Cambridge Springs 1904
8.–9. Platz Wien 1907
1. Platz – Größter Turniersieg! Ostende 1907
3.–4. Platz – Weltklasse-Event San Sebastián 1911
Mieses als Organisator Liverpool 1923
1. Platz – Turniersieg! Baden-Baden 1925
Neuanfang nach dem Krieg Kemeri 1937
Das schicksalhafte Turnier Schacholympiaden
London 1927 · Prag 1931
Wussten Sie?
Die Frankfurter Zeitung titelte ihr Feuilleton über das Turnier „Die neue Schlacht bei Hastings" – eine Anspielung auf die berühmte Entscheidungsschlacht von 1066 zwischen Herzog Wilhelm und König Harald.
Tschigorin gewann einen goldenen Ring als Sonderpreis für die meisten angenommenen Evansgambits – ein Preis, der die romantische Schachtradition feierte.