Zum Hauptinhalt springen

San Sebastián 1911 – Mieses als Turnier-Revolutionär

Internationales Schachturnier zu San Sebastián 1911

Mieses' organisatorisches Meisterwerk – Capablancas internationaler Durchbruch

Turnier-Überblick

  • Datum: 20. Februar – 17. März 1911
  • Ort: Grand Casino, San Sebastián (Donostia), Baskenland, Spanien
  • Sponsor: Manuel Márquez Sterling (kubanischer Diplomat, Pseudonym „M. Marquet")
  • Turnierdirektor: Jacques Mieses
  • Format: Einzelrundenturnier, 15 Spieler, 14 Runden
  • Bedenkzeit: 1 Stunde für 15 Züge
  • Sieger: José Raúl Capablanca (CUB), 9½/14
  • Mieses' Rolle: Turnierdirektor und Organisator (kein Spieler!)

Mieses als Turnier-Revolutionär

Jacques Mieses setzte in San Sebastián erstmals die vollständige Kostenübernahme — Reise, Unterkunft und Verpflegungsgeld — für alle Teilnehmer durch. Vor 1911 mussten Schachmeister ihre Kosten selbst tragen, was für viele ein enormes finanzielles Risiko bedeutete und ärmere Spieler von Spitzenturnieren ausschloss.

Mieses überzeugte den Sponsor Márquez Sterling, diese Kosten zu übernehmen. Diese Innovation wurde zum Standard für alle nachfolgenden internationalen Spitzenturniere und legte das Fundament für professionelles Turnierschach.

„He convinced the tournament's sponsor to reimburse the players for their travel expenses and to give them free board and lodging" (Hooper & Whyld, The Oxford Companion to Chess, 1992)

Teilnehmer und Organisatoren des internationalen Schachturniers San Sebastián 1911
Die Teilnehmer des internationalen Schachturniers zu San Sebastián 1911.
Am Geländer: Marshall. Stehend: Burn, Leonhardt, Duras, Vidmar, Mieses. Sitzend hinten: Janowski, Bernstein, Schlechter, Rubinstein, Maróczy, Capablanca, Nimzowitsch, Hoffer, Teichmann. Sitzend vorne: Spielmann, Tarrasch. (Public Domain / Wikimedia Commons)

Historische Bedeutung

San Sebastián 1911 war eines der stärksten Turniere der Schachgeschichte: 9 der 10 besten Spieler der Welt traten an. Nur Weltmeister Emanuel Lasker fehlte — er heiratete am 7. März 1911 Martha Cohn in Berlin und hatte seine Teilnahme frühzeitig abgesagt. Als weitere prominente Absage galt Henry E. Atkins, der amtierende britische Meister.

Die Qualifikationskriterien waren streng: Nur Spieler, die bei mindestens zwei internationalen Turnieren einen dritten oder vierten Preis errungen hatten, wurden zugelassen. Diese Hürde sollte das höchste spielerische Niveau garantieren — und wurde zum Auslöser der berühmten Capablanca-Kontroverse.

Stilistisch markierte das Turnier einen Paradigmenwechsel: Die romantische Angriffsschule der älteren Generation — vertreten durch Tarrasch, Burn und Janowski — traf auf das positionelle, ökonomische Spiel der Jüngeren um Capablanca, Rubinstein und Nimzowitsch. Der Sieg des 22-jährigen Capablanca symbolisierte den Triumph der neuen Schule.

Die Capablanca-Kontroverse

Capablanca erfüllte die formalen Qualifikationskriterien nicht — sein einziger internationaler Erfolg war der Matchsieg gegen Marshall 1909. Sein Förderer Márquez Sterling, der als Sponsor des Turniers erheblichen Einfluss hatte, setzte Capablancas Einladung durch.

Ossip Bernstein protestierte offiziell gegen Capablancas Teilnahme. Ein hartnäckiges Gerücht besagt, auch Nimzowitsch habe protestiert — doch wie André Schulz (ChessBase, 2021) dokumentiert, gibt es dafür keinen Beweis.

Vor Turnierbeginn fanden Blitzpartien statt, bei denen Nimzowitsch den jungen Kubaner zurechtweisen wollte — und von Capablanca dominiert wurde. Die schicksalhafte 1. Runde brachte dann die poetische Gerechtigkeit: Capablanca besiegte ausgerechnet Bernstein in einer brillanten Partie und erhielt dafür den Schönheitspreis (500 Francs, gestiftet von Baron Rothschild).

Endstand

Pl.SpielerLandPunkte+/=/−Preis
1CapablancaKuba9½/14+6 =7 −1I. Preis, 5.000 Fr. + Schönheitspreis 500 Fr.
2–3RubinsteinRussisches Reich9/14+4 =10 −0II./III. Preis geteilt
2–3VidmarÖsterreich-Ungarn9/14+5 =8 −1II./III. Preis geteilt
4MarshallUSA8½/14IV. Preis, 1.500 Fr.
5–7TarraschDeutsches Reich7½/14
5–7SchlechterÖsterreich-Ungarn7½/14
5–7NimzowitschRussisches Reich7½/14
8–9BernsteinRussisches Reich7/14
8–9SpielmannÖsterreich-Ungarn7/14
10TeichmannDeutsches Reich6½/14
11–12MaróczyÖsterreich-Ungarn6/14
11–12JanowskiFrankreich6/14
13–14BurnGroßbritannien5/14
13–14DurasÖsterreich-Ungarn5/14
15LeonhardtDeutsches Reich4/14

Rubinstein war der einzige ungeschlagene Spieler (4 Siege, 10 Remis). Nicht-Preisträger erhielten 80–100 Francs pro erzieltem Punkt.
Quellen: chessgames.com; Robert Irons, San Sebastian 1911 (Russell Enterprises, 2024)

Das berühmte Zitat

„Laskers Stil ist klares Wasser mit einem Tropfen Gift darin, der es opalisieren lässt. Capablancas Stil ist vielleicht noch klarer, aber es fehlt der Tropfen Gift."

Jacques Mieses im Berliner Tageblatt (wiederabgedruckt im Turnierbuch, S. 16)

Dieses Zitat wird häufig fälschlich Rudolf Spielmann zugeschrieben. Edward Winter dokumentiert in Chess Notes (C.N. 3161), dass die Originalquelle zweifelsfrei Mieses ist — nachgewiesen durch den Abdruck im Turnierbuch.

Preisfonds

PlatzierungPreisgeld
1. Preis5.000 Francs
2. Preis3.000 Francs
3. Preis2.000 Francs
4. Preis1.500 Francs
Schönheitspreis (Baron Rothschild)500 Francs
Nicht-Preisträger80–100 Francs pro Punkt

Das Turnierbuch

Mieses und Dr. Moritz Lewitt verfassten das offizielle Turnierbuch: Internationales Schach-Turnier zu San Sebastian 1911 (1. Auflage: Verlag Dr. Wedeking & Co., Berlin, 1911, 128 S.; 2. Auflage: Hans Hedewig's Nachfolger, Leipzig, 1919, 162 S.). Alle 105 Partien mit Mieses' Kommentaren.

2024 erschien eine englische Neuausgabe: Robert Irons, San Sebastian 1911 (Russell Enterprises/New In Chess, Vorwort Andy Soltis).

Mehr zum Turnierbuch →

Quellen

  • Mieses, Jacques & Lewitt, Moritz: Internationales Schach-Turnier zu San Sebastian 1911, Verlag Dr. Wedeking & Co., Berlin, 1911
  • Irons, Robert: San Sebastian 1911, Russell Enterprises/New In Chess, 2024
  • Hooper, David & Whyld, Kenneth: The Oxford Companion to Chess, Oxford University Press, 1992
  • Winter, Edward: Chess Notes – C.N. 3161 (Mieses-Zitat über Lasker und Capablanca)
  • Schulz, André: „San Sebastián 1911", ChessBase, 2021