Wettkampf Lasker–Mieses
Leipzig, 30. Dezember 1889 bis 6. Januar 1890
Gespielt wurde in der Centralhalle zu Leipzig, vom 30. Dezember 1889 bis zum 6. Januar 1890. Der Wettkampf ging auf eine Herausforderung von Mieses zurück; Lasker reiste auf dessen Einladung von Berlin nach Leipzig. Als Bedingung galt, dass Sieger sei, wer zuerst fünf Partien gewinne; der Einsatz betrug 450 Mark.
Acht Partien kamen zustande. Lasker gewann fünf, Mieses keine, drei endeten unentschieden. Diese drei wurden nicht zu Ende gespielt, sondern nach den in der Übersicht genannten Zügen abgebrochen. Lasker war sechs Tage vor der ersten Partie einundzwanzig geworden, Mieses war vierundzwanzig.
Das Endergebnis legt einen einseitigen Verlauf nahe. Die Anmerkungen, die das Deutsche Wochenschach zwei Wochen nach dem zusammenfassenden Bericht abdruckte, zeichnen ein anderes Bild.
Quelle: Deutsches Wochenschach, Nr. 3 u. 4, 26. Januar 1890, S. 22 f.
Rahmendaten
| Angabe | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Gegner | Emanuel Lasker (Berlin) gegen Jacques Mieses (Leipzig) | DWS Nr. 3 u. 4, 26.01.1890, S. 22 |
| Ort | Centralhalle, Leipzig | ebd. |
| Zeitraum | 30. Dezember 1889 bis 6. Januar 1890 | Partieköpfe ebd., S. 26 und S. 32 |
| Modus | Sieger, wer zuerst fünf Partien gewinnt | ebd., S. 22 |
| Einsatz | 450 Mark | ebd. |
| Ergebnis | Lasker 5, Mieses 0, drei Remisen | ebd., S. 22 f. |
Vorgeschichte
Beide Spieler kamen aus demselben Sommer. Beim VI. Kongress des Deutschen Schachbundes in Breslau im Juli 1889 hatte Mieses im Meisterturnier den dritten Preis gewonnen, 10½ aus 17, hinter Tarrasch und Burn und vor Blackburne, Gunsberg, Mason, Schallopp, Schiffers, von Bardeleben und Paulsen; das Preisgeld betrug 500 Mark. Auf demselben Kongress gewann Lasker das Hauptturnier und erwarb damit den Meistergrad. (Deutsches Wochenschach, Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 274 und S. 275 f.)
Von Ende November bis Anfang Dezember 1889 spielte Lasker im Café Kaiserhof zu Berlin gegen Curt von Bardeleben, um einen ausgesetzten Preis von hundert Mark, veranstaltet von Schachfreunden, „welche das nötige Geld zu diesem Zwecke zusammenschossen“. Von Bardeleben gab den Wettkampf wegen Unwohlseins verloren. (Deutsches Wochenschach, Nr. 3 u. 4, 26. Januar 1890, S. 22)
Wenige Wochen später kam es zu dem Wettkampf in Leipzig. Über sein Zustandekommen schreibt das Blatt:
„Der Kampf fand in Folge einer Herausforderung seitens des Herrn Mieses statt, der schon bei einer früheren Anwesenheit in Berlin den Wunsch geäussert hatte, mit einem der Berliner Meister die Klinge zu kreuzen und auf dessen Einladung sich E. Lasker nach Leipzig begab.“
Lasker war am 24. Dezember 1889 einundzwanzig geworden, sechs Tage vor der ersten Partie. Mieses war vierundzwanzig; er ist am 27. Februar 1865 geboren.
Die acht Partien
Gespielt wurde an sechs Tagen; am 4. und am 6. Januar kamen jeweils zwei Partien zustande. Die Partien 2, 3 und 6 wurden nicht zu Ende gespielt, sondern nach den angegebenen Zügen als unentschieden abgebrochen.
| Nr. | Datum | Weiß | Schwarz | Eröffnung lt. DWS | Ergebnis | Züge |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 30.12.1889 | Lasker | Mieses | Holländische Partie | 1–0 | 24 |
| 2 | 31.12.1889 | Mieses | Lasker | Wiener Partie | ½–½ | 55 |
| 3 | 02.01.1890 | Lasker | Mieses | Damengambit | ½–½ | 58 |
| 4 | 03.01.1890 | Mieses | Lasker | Wiener Partie | 0–1 | 42 |
| 5 | 04.01.1890 | Lasker | Mieses | Zukertorts Eröffnung | 1–0 | 30 |
| 6 | 04.01.1890 | Mieses | Lasker | Wiener Partie | ½–½ | 33 – nachspielbar |
| 7 | 06.01.1890 | Lasker | Mieses | Damengambit | 1–0 | 37 |
| 8 | 06.01.1890 | Mieses | Lasker | Wiener Partie | 0–1 | 25 |
| Endstand: Lasker 5, Mieses 0, drei Remisen. | ||||||
Die Partieköpfe Nr. 780 (vierte Partie) und Nr. 782 (sechste Partie) tragen in der Vorlage beide die Jahreszahl 1889 statt 1890. Es handelt sich um Druckfehler.
Vier Weißpartien, eine Eröffnung
In allen vier Partien mit Weiß spielte Mieses die Wiener Partie, dreimal davon mit derselben Zugfolge bis in den fünften Zug. Das Blatt hält fest: „J. Mieses eröffnete, wie in allen Partien, mit dem Wiener Spiel.“
Ein halbes Jahr zuvor hatte ihm dieselbe Eröffnung in Breslau sechs Punkte aus sieben Partien eingebracht.
Die Zugfolge selbst war bei Mieses seit Jahren eingespielt: 1.e4 e5 2.Sc3 Sc6 3.g3 Lc5 4.Lg2 a6 5.Sge2 – dieselben fünf Züge stehen am Anfang seiner Gewinnpartie gegen Siegbert Tarrasch vom 3. Dezember 1888 aus dem Jubiläumsturnier der Leipziger Schachgesellschaft Augustea. Erst danach trennen sich die Wege: dort setzte Schwarz mit 5…Sf6 fort, hier mit 5…d6. (Deutsche Schachzeitung, Nr. 1, Januar 1889, S. 17 f., Partie Nr. 5159)
Die sechste Partie
Von den acht Partien ist hier eine wiedergegeben: die sechste, gespielt am 4. Januar 1890, in der Mieses Weiß führte. Zwei Gründe sprechen für sie. Das Deutsche Wochenschach nennt sie in seinem Bericht eine der interessantesten des ganzen Wettkampfes. Und sie ist eine von zwei Partien, in denen nach den Anmerkungen des Blattes nicht Lasker, sondern Mieses auf Gewinn stand.
Sechste Partie: Mieses – Lasker, Wiener Partie
Leipzig, 4. Januar 1890. Nach 33 Zügen als unentschieden abgebrochen.
Partiedaten und Notation
| Weiß | Jacques Mieses |
|---|---|
| Schwarz | Emanuel Lasker |
| Anlass | Wettkampf Lasker – Mieses, Leipzig |
| Datum | 4. Januar 1890 |
| Runde | 6 |
| Eröffnung | Wiener Partie (ECO C25) |
| Ergebnis | ½–½ |
| Quelle | Deutsches Wochenschach, Nr. 3 u. 4, 26. Januar 1890, Partie Nr. 782, S. 30 f. |
1.e4 e5 2.Nc3 Nc6 3.g3 Bc5 4.Bg2 a6 5.Nge2 d6 6.d3 Be6 7.O-O Nge7 8.Nd5 O-O 9.Nxe7+ Qxe7 10.Kh1 Rad8 11.Nc3 f6 12.f4 Qd7 13.f5 Bf7 14.g4 Qe8 15.g5 Kh8 16.Qg4 Rd7 17.Qh4 Qd8 18.Rf3 Nb4 19.Rh3 Bg8 20.Bd2 d5 21.Qg4 fxg5 22.exd5 Be7 23.d6 Bxd6 24.Ne4 Be7 25.Bxg5 Nd5 26.Nc5 Bxg5 27.Nxd7 Qxd7 28.Qxg5 Nf4 29.Rg3 Rxf5 30.Qg4 Nxg2 31.Kxg2 Qc6+ 32.Kg1 g6 33.Qe2 Qb6+ 1/2-1/2
Notation in englischer Schreibweise, wie im Viewer.
Zum zwanzigsten Zug hält der Kommentator fest, Schwarz habe sich zu sehr eingebaut und Weiß habe „durch konsequente Ausnutzung der Fehler des Nachziehenden eine starke Angriffsstellung erhalten“. An dieser Stelle habe Mieses „nicht energisch genug“ gespielt: Statt des gespielten 20.Ld2 empfiehlt das Blatt 20.g5–g6 und führt eine Gewinnführung über neun Züge aus.
Diese Variante ist hier nicht wiedergegeben. Die vorliegende Transkription der Nebenlinie ist an mehreren Stellen unsicher und enthält eine Unstimmigkeit; sie wird noch am Originalscan geprüft.
Zum einundzwanzigsten Zug vermerkt der Kommentator, Weiß bereite mit 21.Dg4 „den Qualitätsgewinn im 27. Zuge“ vor, der Abtausch auf d5 sei aber einfacher und stärker gewesen. Am Ende, nach 33.…Db6+, wurde die Partie als unentschieden abgebrochen: Schwarz gewinnt den b-Bauern, damit sind nach dem Urteil des Blattes die Aussichten ziemlich gleich.
Deutsches Wochenschach, Nr. 3 u. 4, 26. Januar 1890, Partie Nr. 782, S. 30 f. Der Partiekopf der Vorlage trägt irrtümlich die Jahreszahl 1889.
Was die übrigen Anmerkungen zeigen
Die vierte Partie, am 3. Januar, führte Mieses ebenfalls mit Weiß. Zum dreißigsten Zug heißt es in den Anmerkungen:
„Weiss hätte natürlich leicht gewinnen können; d3—d4 entschied sofort. Von jetzt ab spielt Weiss mit merkwürdiger Schwäche.“
Die Partie ging nach 42 Zügen verloren.
In der zweiten Partie, am 31. Dezember, lag der Fall umgekehrt. Auch hier hatte Mieses Weiß, doch diesmal ließ Lasker den Sieg mehrfach aus. Das Blatt schreibt, er spiele „in allzusicherer Hoffnung auf Gewinn sehr leichtsinnig“, und zum neunundvierzigsten Zug knapp: „Dieser Zug ist ein Fehler.“ Nach 55 Zügen wurde die Partie unentschieden abgebrochen.
Damit stand Mieses in zwei seiner vier Weißpartien auf Gewinn. Das Endergebnis von 5:0 bildet das nicht ab.
Heydes Urteil
Der zusammenfassende Bericht ist gezeichnet: „Berlin, im Januar 1890. Albert Heyde.“ Er schließt mit einer Einschätzung, die den Sieger feiert, ohne das Ergebnis für bare Münze zu nehmen:
„Der jugendliche Berliner Meister, der erst seit dem Breslauer Kongresse die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, hat also einen glorreichen Sieg errungen, und wenn ich auch nicht annehme, dass diese für den Leipziger Meister, der offenbar nicht gut disponirt war, so furchtbare Niederlage dem wirklichen Stärkeverhältnisse entspricht, so glaube ich doch behaupten zu dürfen, dass Herr E. Lasker, der auch ein ausgesprochenes Talent für Mathematik besitzt, im Schachspiel noch eine grosse Zukunft hat.“
Lasker stellte dem Blatt die Partien selbst zur Verfügung und wurde von derselben Nummer an als regelmäßiger Mitarbeiter geführt.
Nachhall
Die erste Meldung des Deutschen Wochenschachs war drei Zeilen lang. In Nummer 2 vom 12. Januar 1890 heißt es, in Leipzig habe kürzlich ein Wettkampf zwischen dem Berliner Meister E. Lasker und dem Leipziger Meister J. Mieses stattgefunden, aus dem ersterer mit 5:0 bei 3 Remisen als Sieger hervorgegangen sei. Bericht, Würdigung und Partien folgten zwei Wochen später.
Sechs Wochen nach dem Wettkampf erreichte die Nachricht England. Die Liverpool Daily Post stellte am 18. Februar 1890 Lasker vor seinem Wettkampf gegen H. E. Bird vor und führte als seine Verdienste den Sieg im Hauptturnier zu Breslau an, den zweiten Preis von Amsterdam hinter Amos Burn – und den Sieg über Mieses:
„Since carrying off these honours, Herr Lasker has added to his laurels by beating Herr Mieses, the winner of the third place in the Breslau International Tournament.“
In dieser Aufzählung ist Mieses nicht der Verlierer, sondern der Dritte von Breslau. Der Sieg über ihn galt in England als Ausweis von Laskers Rang.
Quellen
- Deutsches Wochenschach, Jahrgang 1890, herausgegeben von E. Schallopp, Albert Heyde und B. Hülsen: Nr. 2, 12. Januar 1890, S. 20 (Erstmeldung); Nr. 3 u. 4, 26. Januar 1890, S. 22 f. (Bericht, Rahmenbedingungen, Vorgeschichte, Heydes Urteil) und S. 26–32 (die acht Partien mit Anmerkungen, darunter Nr. 780 auf S. 28 f. und Nr. 782 auf S. 30 f.).
- Deutsches Wochenschach, Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 274 (Laskers Sieg im Hauptturnier zu Breslau) und S. 275 f. (Mieses’ dritter Preis im Meisterturnier).
- Liverpool Daily Post, 18. Februar 1890, S. 6 (Vorstellung Laskers vor dem Wettkampf gegen H. E. Bird).
- Deutsche Schachzeitung, Nr. 1, Januar 1889, S. 17 f., Partie Nr. 5159 (Mieses gegen Tarrasch, Leipzig 1888, zur Eröffnungsfolge).
Zwei Druckfehler der Vorlage sind zu beachten: Die Partieköpfe Nr. 780 und Nr. 782 tragen beide die Jahreszahl 1889 statt 1890.
Aus der kommenden Biographie
Der Wettkampf gegen Lasker wird in der Mieses-Biographie von Johannes Geppert behandelt (JUG Verlag, Q1 2027).
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