VI. Kongress des Deutschen Schachbundes – Breslau 1889
Mieses' erstes internationales Meisterturnier – 3. Preis mit 10½ aus 17
Am Sonntag, dem 14. Juli 1889, wurde um 16 Uhr im Breslauer Restaurant „Zum Münchener Kindl“ am Zwingerplatz der VI. Kongress des Deutschen Schachbundes eröffnet. Das Meisterturnier führte 18 Spieler in einem einfachrundigen Turnier über 17 Runden zusammen; die erste Runde begann am folgenden Montag um 9 Uhr. Ausrichter vor Ort war der Breslauer Schachverein „Anderssen“ unter dem Vorsitz von B. Schäfer. (Deutsches Wochenschach, Nr. 29, 21. Juli 1889, S. 243 und 247; Nr. 30, 28. Juli 1889, S. 259)
Für Jacques Mieses, damals 24 Jahre alt und in der Teilnehmerliste als „J. Mieses – Leipzig“ geführt, begann das Turnier mit einer Formalie: Über seine Zulassung hatte erst eine eigens eingesetzte Kommission zu befinden. Als am 26. Juli die letzte Runde gespielt war, stand er mit 10½ Punkten aus 17 Partien auf dem dritten Preis – vor Blackburne, Gunsberg, Mason, Schallopp, Schiffers, von Bardeleben und Louis Paulsen. (Deutsches Wochenschach, Nr. 29, 21. Juli 1889, S. 243; Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 275 f.)
Der Kongress stand im Zeichen Adolf Anderssens, der zehn Jahre zuvor in Breslau gestorben war: Die Kongresskarten trugen sein Bildnis, und Generalsekretär Zwanzig legte einen Kranz auf sein Grab. (Deutsches Wochenschach, Nr. 29, 21. Juli 1889, S. 243; Nr. 30, 28. Juli 1889, S. 262)
Turnier-Überblick
- Anlass: VI. Kongress des Deutschen Schachbundes
- Ort: Breslau, Restaurant „Zum Münchener Kindl“ am Zwingerplatz
- Eröffnung: Sonntag, 14. Juli 1889, 16 Uhr
- Erste Runde: Montag, 15. Juli 1889, 9 Uhr
- Letzte Runde: Freitag, 26. Juli 1889
- Letzte Hängepartien: 27./28. Juli 1889
- Format Meisterturnier: 18 Teilnehmer, 17 Runden, einfachrundig
- Ausrichter vor Ort: Breslauer Schachverein „Anderssen“, Vorsitz B. Schäfer
- Mieses' Ergebnis: 3. Preis, 10½ aus 17 (500 Mark)
Quellen: Deutsches Wochenschach, Nr. 29, 21. Juli 1889, S. 243, 246 und 247; Nr. 30, 28. Juli 1889, S. 259; Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 273 ff.
Die Zulassungsfrage
Für das Meisterturnier lagen 21 Anmeldungen vor. Über die Zulassung von dreien der Gemeldeten hatte eine eigens in Frankfurt am Main eingesetzte Kommission zu befinden: Generalsekretär Zwanzig, Vorortspräsident B. Schäfer, Fritz, Schallopp und Dr. Schmid. Einer der drei war Jacques Mieses.
„Unter den übrigen 20 befanden sich 3, über deren Zulassung die in Frankfurt a. M. eingesetzte Kommission (Generalsekretär Zwanzig, Vorortspräsident B. Schäfer, Fritz, Schallopp und Dr. Schmid) zu entscheiden hatte, nämlich die Herren Gossip, Mieses und Dr. Seger. Alle drei wurden durch Kommissionsbeschluss zugelassen …“
Mieses war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt; die Teilnehmerliste führt ihn als „J. Mieses – Leipzig“. In der Schlusstabelle des Meisterturniers stehen zwei der drei Zugelassenen an den entgegengesetzten Enden: Mieses als Dritter mit 10½ Punkten, Gossip als Achtzehnter und Letzter mit 3. (Deutsches Wochenschach, Nr. 29, 21. Juli 1889, S. 243; Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 276)
Endstand des Meisterturniers
| Platz | Spieler | Punkte |
|---|---|---|
| 1. | Dr. Siegbert Tarrasch | 13 |
| 2. | Amos Burn | 11½ |
| 3. | Jacques Mieses | 10½ |
| 4.–7. | Curt von Bardeleben | 10 |
| 4.–7. | Johann Hermann Bauer | 10 |
| 4.–7. | Isidor Gunsberg | 10 |
| 4.–7. | Louis Paulsen | 10 |
| 8.–9. | Joseph Henry Blackburne | 9 |
| 8.–9. | James Mason | 9 |
| 10. | Johann Berger | 8½ |
| 11. | Emil Schallopp | 8 |
| 12. | Johannes Metger | 7½ |
| 13.–14. | Alexander Fritz | 7 |
| 13.–14. | Hermann von Minckwitz | 7 |
| 15.–16. | Simon Alapin | 6½ |
| 15.–16. | Max Harmonist | 6½ |
| 17. | Emanuel Schiffers | 6 |
| 18. | George Hatfeild Dingley Gossip | 3 |
| 18 Spieler · 17 Runden · einfachrundig | 153 | |
Quelle: Schlusskreuztabelle, Deutsches Wochenschach, Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 276; Preisverteilung ebd., S. 275.
Die vollständige Kreuztabelle des Turniers wird hier nicht wiedergegeben: Die Einzelfelder ließen sich aus dem vorliegenden Scan nicht sicher genug lesen. Die Rangliste oben ist dagegen rechnerisch abgesichert – die Summe der Punkte ergibt die für 18 Spieler und 17 Runden zu erwartenden 153 Punkte.
Mieses' Partien
| Runde | Datum 1889 | Gegner | Ergebnis | Eröffnung laut DWS |
|---|---|---|---|---|
| 1 | 15. Juli, vorm. | Mason | 1 | Wiener Partie |
| 2 | 15. Juli, nachm. | Gossip | 1 | Wiener Partie |
| 3 | 16. Juli, vorm. | L. Paulsen | 1 | Wiener Partie |
| 4 | 17. Juli, vorm. | Schallopp | 0 | Russische Partie |
| 5 | 17. Juli, nachm. | v. Bardeleben | ½ | Französisch |
| 6 | 18. Juli, vorm. | Fritz | 1 | Wiener Partie |
| 7 | 19. Juli, vorm. | Berger | ½ | Wiener Partie mit 3. g2–g3 |
| 8 | 19. Juli, nachm. | v. Minckwitz | 1 | Wiener Partie |
| 9 | 20. Juli, vorm. | Dr. Tarrasch | 0 | Französisch |
| 10 | 22. Juli, vorm. | Gunsberg | ½ | Zweispringerspiel im Nachzuge, übergehend in Italienisch |
| 11 | 22. Juli, nachm. | Harmonist | 1 | Französisch |
| 12 | 23. Juli, vorm. | Alapin | 1 | Spanisch |
| 13 | 24. Juli, vorm. | Schiffers | ½ | Wiener Partie mit 3. g2–g3 |
| 14 | 24. Juli, nachm. | Blackburne | 0 | 1. Sg1–f3 g7–g6 |
| 15 | 25. Juli, vorm. | Burn | 0 | Italienisch |
| 16 | 26. Juli, vorm. | Metger | 1 | Zweispringerspiel im Nachzuge |
| 17 | 26. Juli, nachm. | J. H. Bauer | ½ | 1. e2–e4 g7–g6 |
| Bilanz: +8 =5 −4 | 10½ aus 17 · 3. Preis | |||
Die Spalte „Ergebnis“ gibt den Punkt aus Mieses' Sicht an. Farbangaben fehlen bewusst: Welche Farbe Mieses führte, ist nur für einen Teil der siebzehn Partien überliefert. Quelle: Tagesberichte im Deutschen Wochenschach, Nr. 29 vom 21. Juli, Nr. 30 vom 28. Juli und Nr. 31/32 vom 4. August 1889; abgeglichen mit der Schlusskreuztabelle, Nr. 31/32, S. 276.
Die Wiener Partie
In sieben der siebzehn Partien nennt das Deutsche Wochenschach als Eröffnung die Wiener Partie – in den Runden 1, 2, 3, 6, 7, 8 und 13, zweimal davon ausdrücklich mit der Fortsetzung 3. g2–g3. Mieses' Bilanz in diesen sieben Partien lautet +5 =2 −0, also 6 aus 7. Sechs seiner insgesamt 10½ Punkte stammen damit aus einer einzigen Eröffnung; alle vier Niederlagen fielen in anderen Eröffnungen. (Deutsches Wochenschach, Nr. 29 bis Nr. 31/32, 21. Juli bis 4. August 1889)
Diese Zählung beruht auf den Eröffnungsbezeichnungen in den Tagesberichten des Deutschen Wochenschachs, nicht auf Partienotationen: In den ausgewerteten Heften ist keine der Breslauer Partien von Mieses im Wortlaut abgedruckt.
Preisgelder
Die Preisstaffel des Meisterturniers war auf 1000, 700, 500, 300, 150, 120 und 100 Mark festgesetzt. (Deutsches Wochenschach, Nr. 29, 21. Juli 1889, S. 246)
Ausgezahlt wurden 1000 Mark an Tarrasch, 700 Mark an Burn und 500 Mark an Mieses. Die Preise vier bis sieben – zusammen 670 Mark – teilten von Bardeleben, Bauer, Gunsberg und Louis Paulsen zu gleichen Teilen; auf jeden entfielen 167,50 Mark. Ein halber Punkt Vorsprung trennte Mieses' 500 Mark von diesen 167,50 Mark. (Deutsches Wochenschach, Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 275)
Einen Sonderpreis von 100 Mark, gestiftet von v. Heydebrand u. d. Lasa für das beste Ergebnis gegen die sieben Preisträger, erhielt Alapin. (Deutsches Wochenschach, Nr. 30, 28. Juli 1889, S. 263; Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 275)
Rund um das Turnier
Das Festessen am 16. Juli
Das Spiel hatte sich an diesem Tag bis Sonnenuntergang gezogen, sodass das Festmahl erst nach acht Uhr abends begann. Es kamen gegen 70 Personen; mehrere der „vorsichtigeren Schachmeister“ blieben fern. (Deutsches Wochenschach, Nr. 30, 28. Juli 1889, S. 259 und 262)
„Der Morgen graute bereits, als die Festlichkeit ihr Ende erreichte.“
Das Gedenken an Anderssen
Ein Glas des Abends galt den verstorbenen Meistern, vor allem Anderssen, auch Zukertort. Generalsekretär Zwanzig legte einen Kranz auf Anderssens Grab. (Deutsches Wochenschach, Nr. 30, 28. Juli 1889, S. 262)
Der Ausflug zur Kynsburg am 21. Juli
Am spielfreien Sonntag führte ein Ausflug zur Kynsburg: ein einstündiger Fußweg durch das Schlesiertal entlang der Weistritz. Der Regen hatte bis zum Morgen angehalten, danach war das Wetter strahlend. (Deutsches Wochenschach, Nr. 30, 28. Juli 1889, S. 271)
Das Schlussbankett
Zum Abschluss dankte B. Schäfer den russischen Meistern Alapin und Schiffers für ihre Liebenswürdigkeit und schloss mit einem Wunsch, der die politische Lage streifte:
… ihrem Heimatland „auf keinem andern als den 64 Feldern begegnen zu müssen“.
Das Hauptturnier
Auf demselben Kongress gewann der zwanzigjährige Emanuel Lasker das Hauptturnier und damit den Meistertitel – nach einer Stichpartie gegen v. Feyerfeil am Morgen des 27. Juli, die nach vierstündigem Kampf endete. Der erste Preis des Hauptturniers betrug 300 Mark; mit ihm war die Meisterschaft verbunden, und der Gewinner musste künftig im Meisterturnier antreten. (Deutsches Wochenschach, Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 274)
Quellen
- Deutsches Wochenschach, Nr. 29, 21. Juli 1889, S. 243, 246, 247
- Deutsches Wochenschach, Nr. 30, 28. Juli 1889, S. 259, 262, 263, 271
- Deutsches Wochenschach, Nr. 31/32, 4. August 1889, S. 273, 274, 275, 276
Weitere Turniere
3. Platz – Meisterturnier-Debüt Breslau 1889
3. Preis – erstes internationales Meisterturnier Hastings 1895
Turnier des Jahrhunderts Berlin 1897
geteilter 3.–4. Platz - Heimerfolg Monte Carlo 1903
8. Platz Cambridge Springs 1904
8.–9. Platz Wien 1907
1. Platz – Größter Turniersieg! Ostende 1907
3.–4. Platz – Weltklasse-Event San Sebastián 1911
Mieses als Organisator Liverpool 1923
1. Platz – Turniersieg! Baden-Baden 1925
Neuanfang nach dem Krieg Kemeri 1937
Das schicksalhafte Turnier Schacholympiaden
London 1927 · Prag 1931