Partien-Galerie
Jacques Mieses' 60-jährige Turnierkarriere brachte ihn mit allen großen Meistern seiner Zeit zusammen. Ob gegen den dogmatischen Tarrasch oder den genialen Rubinstein – Mieses' romantischer Angriffsstil sorgte stets für dramatische Partien und unvergessliche Momente.
Dr. Siegbert Tarrasch gegen Jacques Mieses
Leipzig 1888 Nürnberg 1888 Breslau 1889
Dr. Siegbert Tarrasch (1862–1934) war der „Praeceptor Germaniae" – der Lehrmeister Deutschlands. Als Arzt und Schachtheoretiker prägte er Generationen von Spielern mit seinen Büchern wie „Dreihundert Schachpartien" (1895) und „Die moderne Schachpartie" (1912).
Beim Augustea-Jubiläumsturnier in Leipzig 1888 – Mieses' erstem großen Meisterturnier – kam es zur denkwürdigen Begegnung: Der 23-jährige Mieses besiegte den favorisierten Tarrasch mit der Wiener Partie! Tarrasch selbst schrieb später über dieses Turnier, er habe geglaubt, es genüge „sich ans Brett zu setzen und Züge zu machen, um zu gewinnen."
Bei Nürnberg 1888 revanchierte sich Tarrasch, doch schon in Breslau 1889 kreuzte man erneut die Klingen. Die Rivalität zwischen dem wissenschaftlichen Stil Tarraschs und dem romantischen Angriffsspiel Mieses' verkörperte den Generationenkonflikt im deutschen Schach.
Akiba Rubinstein gegen Jacques Mieses
Berlin 1909 Match
Akiba Rubinstein (1880–1961) galt als der „Meister der Endspiele" – sein positionelles Verständnis war legendär. 1909 schien er unbesiegbar: Turniersieg in Karlsbad 1907, geteilter erster Platz in St. Petersburg 1909 mit dem Weltmeister Lasker, und dazu ein Sieg gegen Lasker selbst!
Der Match in Berlin (Mai 1909) sollte ein „Triumphzug" für Rubinstein werden. Doch dann geschah das Unerwartete: Mieses gewann die ersten drei Partien! Die Schachwelt war erschüttert – der Mann, der das ganze Jahr nur eine Partie verloren hatte, verlor nun drei in Folge gegen den „Romantiker" Mieses.
Rubinstein fand jedoch zurück zu seiner Form und gewann den Rest des Matches überlegen mit +5 =2 -0. Endstand: Rubinstein 6 – Mieses 3 (bei 2 Remis). Der Match zeigte, dass selbst der präziseste Techniker gegen Mieses' unberechenbaren Angriffsstil verwundbar war.
Zwei Welten des Schachs
Die „Wissenschaftliche Schule"
Tarrasch und Rubinstein vertraten den positionellen, logischen Stil. Jeder Zug sollte einem klaren Plan folgen. Tarrasch formulierte Regeln wie: „Türme gehören hinter Freibauern" und betonte die Figurenaktivität über alles.
Die „Romantische Schule"
Mieses blieb zeitlebens der Tradition Anderssens und Morphys treu: Opfer, Angriff, Königsjagd! Seine Partien waren Kunstwerke, auch wenn sie nicht immer gewannen. Er war der letzte große Vertreter dieser aussterbenden Schule.
„Rubinstein ist der größte Künstler unter den Schachspielern. Seine Partien erwecken den Eindruck eines großen Bauwerks, von dem man keinen Stein verrücken darf."
Das Jahr 1909 war ein Höhepunkt der klassischen Schachära. Das große Tschigorin-Gedenkturnier in St. Petersburg (Februar/März 1909) versammelte die Elite: Lasker, Rubinstein, Schlechter, Spielmann, Bernstein, Teichmann – und Mieses. Das Turnier ehrte den verstorbenen russischen Meister Michail Tschigorin (1850–1908).
Mieses kam in St. Petersburg auf einen respektablen Mittelplatz, aber sein Sieg gegen Carl Schlechter mit der Skandinavischen Verteidigung wurde legendär. Direkt nach dem Turnier folgte der sensationelle Match gegen Rubinstein in Berlin – ein triumphaler Abschluss einer denkwürdigen Saison.