40. Stiftungsfest der Schachgesellschaft Augustea – Leipzig 1888
Jacques Mieses' Meisterturnier-Debüt – 3. Platz mit 4½/7
Turnier-Überblick
- Datum: 2.–8. Dezember 1888
- Ort: Centralhalle, Leipzig
- Anlass: 40. Stiftungsfest der Schachgesellschaft Augustea
- Turnierleitung: Hermann Zwanzig (DSB-Generalsekretär)
- Format Meisterturnier: 8 Spieler, Einzelrundenturnier (7 Runden)
- Format Hauptturnier: 14 Spieler in 2 Gruppen
- Sieger Meisterturnier: Fritz Riemann / Curt v. Bardeleben (geteilt, je 5½/7)
- Mieses' Ergebnis: 3. Platz, 4½/7 (III. Preis: 100 Mark)
Das Stiftungsfest
Am 2. Dezember 1888 eröffnete die Schachgesellschaft Augustea ihr 40. Stiftungsfest in der festlich geschmückten Centralhalle zu Leipzig. Der Vorsitzende Gottschall begrüßte die versammelten Meister und Gäste mit einer Ansprache, in der er die vier Jahrzehnte des Vereinslebens Revue passieren ließ. Anschließend wurden durch Verlosung die Spielpaarungen für das Meisterturnier bestimmt. Die Deutsche Schachzeitung berichtete ausführlich über die feierliche Atmosphäre, die das Turnier von Beginn an prägte.
Das Teilnehmerfeld
Acht Meister hatten die Einladung zur Augustea angenommen – ein rein deutsches Feld, das drei Generationen des deutschen Schachs vereinte. Wilhelm Paulsen, der legendäre Blindspieler und Mitbegründer der Augustea, war mit 60 Jahren der Senior des Feldes. Am anderen Ende der Altersskala standen Siegbert Tarrasch und Curt von Bardeleben, beide Mitte zwanzig, sowie der 23-jährige Jacques Mieses als jüngster Teilnehmer. Mieses war in den Meldelisten als „aus Leipzig" geführt. Drei ursprünglich vorgesehene Teilnehmer – Flechsig, Harmonist und H. v. Gottschall – hatten abgesagt, sodass das Feld auf acht Spieler reduziert wurde.
Mieses' Turnierverlauf
Mieses startete fulminant in das Turnier: Am Montag, dem 3. Dezember, gewann er gleich zwei Partien – zunächst gegen Dr. Tarrasch mit der Wiener Partie, dann gegen von Scheve, ebenfalls mit der Wiener Partie. Dieser Doppelsieg am Eröffnungstag ließ ihn zeitweise an der Spitze des Feldes erscheinen. Doch am Dienstag folgte der erste Dämpfer: Gegen den erfahrenen Minckwitz verlor er mit Schwarz in der Spanischen Partie. Am Mittwoch setzte sich Curt von Bardeleben in einer Wiener Partie durch. Mieses fand jedoch sofort zurück in die Spur und bezwang am selben Tag Schottländer. Nach dem Remis gegen Wilhelm Paulsen am Donnerstag stand alles auf die Schlussrunde.
Die dramatische Schlussrunde
Fritz Riemann war in die letzte Runde mit 5½ aus 6 Punkten gegangen – er brauchte gegen Mieses nur ein Remis, um den ersten Preis allein zu gewinnen. Mieses bot das Remis an. Riemann lehnte ab und spielte auf vollen Gewinn. Nach einem langen Kampf über 76 Züge war es Mieses, der als Sieger vom Brett aufstand. Die Deutsche Schachzeitung hielt fest, Riemann habe den ersten Preis bereits sicher gehabt, doch ungeachtet des Lorbeers weiter auf Gewinn gespielt – und dabei alles verloren. Parallel hatte Curt von Bardeleben seine Partie gewonnen und war ebenfalls auf 5½ Punkte vorgerückt. Da beide Spieler punktgleich waren, wurde ein Stichkampf angesetzt, der mit Remis endete. Die Preise wurden geteilt.
Das Festessen im Kaisersaal
Am Dienstagabend, dem 4. Dezember, versammelten sich Spieler und Ehrengäste zum großen Festessen im Kaisersaal der Centralhalle. Der Saal war mit Orangerien geschmückt, die Festtafel in Hufeisenform aufgestellt. Die Capelle von Matthies sorgte für musikalische Unterhaltung. Gottschall trug ein eigens verfasstes Gedicht zu Ehren Adolf Andressens vor, des großen Leipziger Schachmeisters. Schellenberg hielt eine humoristische Rede über Leipzig als Schachstadt und die Bedeutung der Augustea für das deutsche Schachleben. Die Feier dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Die Deutsche Schachzeitung widmete dem Abend mehrere Seiten ihres Berichts (S. 10–14).
Consultationspartieen am Schlussabend
Am Samstag, dem 8. Dezember, beschlossen die Meister das Turnier mit einer Consultationspartie. Bardeleben, von Scheve, Tarrasch und Schottländer spielten mit Weiß gegen die Mannschaft Gottschall, Mieses, W. Paulsen und Riemann mit Schwarz. Die Partie begann mit einem abgelehnten Damengambit. Nach hartem Kampf setzte sich die weiße Mannschaft durch. Die Deutsche Schachzeitung veröffentlichte die vollständige Partie.
Bedeutung für Mieses
Das Ergebnis in Leipzig bestätigte, was Mieses bereits beim Nürnberger Kongress angedeutet hatte: Er war reif für die erste Reihe des deutschen Schachs. Besonders seine Bilanz gegen Tarrasch im Jahr 1888 – zwei Siege, eine Niederlage – war bemerkenswert. Die Deutsche Schachzeitung würdigte seinen angriffslustigen, kombinationsreichen Stil, der das Publikum begeisterte. Der nächste große Schritt ließ nicht lange auf sich warten: Anfang 1889 traf Mieses in derselben Centralhalle zu Leipzig auf den aufstrebenden Emanuel Lasker zum Wettkampf.
Kreuztabelle Meisterturnier
| Bard. | Mieses | Minck. | Paul. | Riem. | Scheve | Schottl. | Tarr. | Σ | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| v. Bardeleben | — | 1 | 1 | 1 | ½ | ½ | ½ | 1 | 5½ |
| J. Mieses | 0 | — | 0 | ½ | 1 | 1 | 1 | 1 | 4½ |
| Minckwitz | 0 | 1 | — | 0 | 0 | 0 | ½ | 0 | 1½ |
| W. Paulsen | 0 | ½ | 1 | — | 0 | 0 | 0 | 1 | 2½ |
| F. Riemann | ½ | 0 | 1 | 1 | — | 1 | 1 | 1 | 5½ |
| v. Scheve | ½ | 0 | 1 | 1 | 0 | — | ½ | 1 | 4 |
| Schottländer | ½ | 0 | ½ | 1 | 0 | ½ | — | 0 | 2½ |
| Dr. Tarrasch | 0 | 0 | 1 | 0 | 0 | 0 | 1 | — | 2 |
Quelle: Deutsche Schachzeitung, Nr. 1, Januar 1889, S. 10
Mieses' Turnierverlauf im Detail
| Runde | Datum | Gegner | Farbe | Eröffnung | Ergebnis | DSZ-Nr. |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Mo 3. Dez | Dr. Tarrasch | Weiß | Wiener Partie | 1–0 | 5159, S. 17 |
| 2 | Mo 3. Dez | v. Scheve | Weiß | Wiener Partie | 1–0 | 5172, S. 45 |
| 3 | Di 4. Dez | Minckwitz | Schwarz | Spanische Partie | 0–1 | 5163, S. 21 |
| 4 | Mi 5. Dez | v. Bardeleben | Schwarz | Wiener Partie | 0–1 | 5161, S. 19 |
| 5 | Mi 5. Dez | Schottländer | Weiß | Wiener Partie | 1–0 | 5169, S. 42 |
| 6 | Do 6. Dez | W. Paulsen | ? | ? | ½–½ | — |
| 7 | Fr 7. Dez | Riemann | Schwarz | Spanische Partie | 1–0 | 5244, S. 265 |
| Bilanz: +4 −2 =1 | 4½/7 · III. Preis: 100 Mark | |||||
Mieses' Partien aus Leipzig 1888
Mieses – Tarrasch 1-0 (Runde 1, 3. Dezember 1888)
Gleich in der ersten Runde besiegte der 23-jährige Mieses den frischgebackenen Nürnberg-Sieger Tarrasch mit Weiß in der Wiener Partie. Tarrasch versuchte einen vorzeitigen Angriff mit 6…Sg4, der seine Stellung nachhaltig verschlechterte. Mieses spielte mit „gesundem Positionsblick“ (DSZ) und beendete die Partie nach 34 Zügen in „brilliantem Style“ mit einer Turmopfer-Kombination.
Wiener Partie (C25) · DSZ Nr. 5159, Januar 1889, S. 17–18 · 34 Züge
Partie ansehenWeitere Partien aus diesem Turnier – darunter der dramatische Sieg gegen den führenden Riemann in der Schlussrunde (76 Züge) – werden derzeit digitalisiert.
Partie aus diesem Turnier
Erleben Sie Mieses' Sieg über Tarrasch aus der ersten Runde mit unserem interaktiven Schachviewer – kommentiert nach der Deutschen Schachzeitung von 1889:
Mieses vs. Tarrasch ansehenQuellen
- Deutsche Schachzeitung, Nr. 1, Januar 1889 (Vierundvierzigster Jahrgang), S. 9–14
- Turnierprogramm der Schachgesellschaft Augustea, Leipzig, 16. Oktober 1888 (Familien-Archiv Geppert)
- Partien: DSZ 1889, Nr. 5159, 5161, 5163, 5166, 5169, 5172, 5244
Weitere Turniere
3. Platz – Meisterturnier-Debüt Hastings 1895
Turnier des Jahrhunderts Berlin 1897
3. Platz - Heimerfolg Wien 1898
Kaiserjubiläum Monte Carlo 1903
7. Platz Cambridge Springs 1904
8.–9. Platz Wien 1907
1. Platz – Größter Turniersieg! Ostende 1907
3.–4. Platz – Weltklasse-Event San Sebastián 1911
Mieses als Organisator Liverpool 1923
1. Platz – Turniersieg! Baden-Baden 1925
Neuanfang nach dem Krieg Kemeri 1937
Das schicksalhafte Turnier Schacholympiaden
London 1927 · Prag 1931
Wussten Sie?
Louis Paulsen, legendärer Blindspieler und Namensgeber der Paulsen-Variante im Sizilianischen, war Mitbegründer der Schachgesellschaft Augustea. Sein Bruder Wilhelm Paulsen nahm 1888 als Senior des Feldes am Meisterturnier teil.