Kemeri 1937: Das schicksalhafte Turnier
Ein Turnier, das Mieses' Leben für immer veränderte
Turnier-Überblick
- Datum: Juni–Juli 1937
- Ort: Ķemeri (Kemeri), Lettland
- Format: Internationales Meisterturnier
- Sieger: Salo Flohr, Vladimirs Petrovs, Samuel Reshevsky (geteilt)
- Mieses' Alter: 72 Jahre
Der Kurort Kemeri
Ķemeri war in den 1930er Jahren ein beliebter Kurort an der lettischen Ostseeküste, bekannt für seine Schwefelquellen und das elegante Kurhaus. Der Ort zog internationale Gäste an und bot den perfekten Rahmen für ein hochkarätiges Schachturnier.
Das Turnier von 1937 versammelte die Weltelite: Neben den späteren Siegern Flohr, Petrovs und Reshevsky spielten auch Alekhine, Keres, Fine und viele andere Spitzenmeister. Mit 72 Jahren war Mieses einer der ältesten Teilnehmer – ein Veteran, der noch immer gegen die junge Generation antrat.
Der Unfall
Während oder um das Turnier herum wurde der 72-jährige Mieses von einer Straßenbahn erfasst und schwer verletzt. Der Unfall war so gravierend, dass in Kemeri zeitweise die Falschmeldung seines Todes kursierte.
Fast ein Jahr musste er im Krankenhaus verbringen. Die Verletzungen hinterließen eine dauerhafte Gehbehinderung, die ihn den Rest seines Lebens begleiten sollte.
Auf die Frage, was geschehen sei, antwortete er später lakonisch:
„Ich war am Zug."
Das Wortspiel verbindet den Verkehrsunfall (Straßenbahn = „Zug") mit dem Schachbegriff „am Zug sein". Typisch für Mieses' Galgenhumor selbst in ernsten Situationen.
Die Folgen
Augenzeugenbericht 1939
Ein Bekannter besuchte Mieses 1939 an einem Sonntagmorgen in seiner Unterkunft in Camden Town, London. Er traf auf einen schwer gehbehinderten Mieses – eine Spätfolge des Kemeri-Unfalls.
Mieses hatte kurz zuvor unter großen Schwierigkeiten Deutschland verlassen und war gezeichnet von der Flucht und den körperlichen Einschränkungen.
Trotz seiner Behinderung weigerte sich Mieses zeitlebens, einen Krückstock zu benutzen. Er zwang sich, sein Leiden zu kaschieren – ein Zeichen seines unbeugsamen Willens.
Verbindung zur Emigration 1938
Nur ein Jahr nach dem Unfall musste der 73-jährige Mieses nach der Reichspogromnacht aus Nazi-Deutschland fliehen – mit nur 15 Reichsmark in der Tasche und einer schweren Gehbehinderung.
Die Flucht nach England war unter diesen Umständen besonders beschwerlich. Doch Mieses gab nicht auf: Er spielte weiter Turniere, gewann noch Brillanzpreise und wurde 1950 zum FIDE-Großmeister ernannt.
→ Mehr über Mieses' Emigration und das Leben im Exil
Quellen
- British Chess Magazine, April 1954 (Nachruf)
- Edward Winter: Chess Notes – Jacques Mieses
Weitere Turniere
Internationales Debüt Hastings 1895
Turnier des Jahrhunderts Berlin 1897
3. Platz - Heimerfolg Wien 1898
Kaiserjubiläum Monte Carlo 1903
7. Platz Cambridge Springs 1904
8.–9. Platz San Sebastián 1911
Capablancas Durchbruch Liverpool 1923
1. Platz – Turniersieg! Baden-Baden 1925
Neuanfang nach dem Krieg Kemeri 1937
Das schicksalhafte Turnier Schacholympiaden
London 1927 · Prag 1931