Schachhochburg Leipzig
Schachhochburg Leipzig
31. Oktober 1946| Zeitung | Leipziger Zeitung |
|---|---|
| Datum | Donnerstag, 31. Oktober 1946 |
| Autor | E.K. |
| Anlass | Meisterturnier 3.–17. November 1946 |
| Art | Historischer Überblick |
Mieses im Artikel
„Besonders große Erfolge waren Mieses beschieden, der im Jahre 1907 im großen Turnier zu Wien bei starker Konkurrenz den ersten Preis errang und im gleichen Jahre in Ostende den zweiten bis dritten Platz belegte. Der jetzt 81jährige lebt in London und hat vor, sich im Laufe des nächsten Jahres an einem Leipziger Turnier zu beteiligen."
Zwei Anmerkungen: Gemeint ist das 1. Trebitsch-Gedenkturnier des Wiener Schachklubs im Januar 1907, das Mieses gewann. In Ostende wurde er geteilter 3./4. mit Nimzowitsch, nicht Zweiter oder Dritter. Ob er 1947 tatsächlich in Leipzig spielte, ist nicht belegt.
Der Artikel zeichnet die bedeutende Rolle Leipzigs in der deutschen Schachgeschichte nach:
Meilensteine
- 1848: Gründung der Schachgesellschaft „Augustea"
- 1877: Gründung des Deutschen Schachbunds in Leipzig
- 1877, 1879, 1894: Große Schachkongresse
- 1920–1933: Schachbetrieb im „Café Merkur"
Berühmte Gäste der „Augustea"
- Adolf Anderssen – häufiger Gast; 1876 und 1877 spielte er in Leipzig gegen Paulsen, beide Male erfolglos
- Louis Paulsen – Sieger des Kongresses von 1877
- Emanuel Lasker – 1890 als junges „Schachphänomen"
- Siegbert Tarrasch
Große Schachspieler aus Leipzig
Der Artikel nennt mehrere bedeutende Schachspieler, die aus Leipzig stammten oder dort wirkten:
Der Artikel erschien nur anderthalb Jahre nach Kriegsende. Er erwähnt die Verfolgung – in einer Wortwahl, die aus heutiger Sicht befremdet: „1933 erlebte das Leipziger Schachleben einen starken Rückgang durch den infantilen Judenboykott der Nazis." Der Verfasser nennt den Boykott also kindisch, nicht verbrecherisch.
Über die Betroffenen schreibt er: „Bekannte Spieler, wie Dr. Kaiser, Dr. Blumberg, Gotthelf, Fajarowicz, Mundstück, verließen im Laufe des Naziregimes Deutschland, und bis heute weiß man nicht, ob sie noch leben und wo sie sich aufhalten."
Für Sammi Fajarowicz stimmt das nicht
Fajarowicz hatte Leipzig nicht verlassen – er kam nicht heraus. Fluchtversuche nach Frankreich 1938 und nach Luxemburg 1939/40 endeten jeweils mit seiner Ausweisung. Er starb am 4. Juli 1940 im Israelitischen Krankenhaus Leipzig an Tuberkulose, 32 Jahre alt. Als dieser Artikel erschien, war er seit sechs Jahren tot – wenige Kilometer von der Redaktion entfernt. Die Zeitungsstelle bleibt hier als Zeitdokument stehen: Sie zeigt, wie wenig man 1946 in Leipzig über das Schicksal der eigenen Nachbarn wusste.
Über die Nachkriegszeit berichtet der Artikel vom Neuaufbau des Leipziger Schachlebens, den Fritz Woog begann und den nach dessen Tod Walter Schurig, Schachspartenleiter im Leipziger Volksbildungsamt, fortführte.