Die Weltmeisterschaft im Schach
Ein Artikel von Jacques Mieses
Diesen Artikel schrieb Jacques Mieses selbst – mit 84 Jahren, aus dem Londoner Exil. Er zeichnet darin die Geschichte der Schachweltmeisterschaft nach, von London 1851 bis zu dem Moment, in dem der Titel nach Aljechins Tod zum ersten Mal herrenlos war. Mieses schreibt dabei nicht als Chronist aus zweiter Hand: Er hat Steinitz noch am Brett erlebt und gegen Lasker, Capablanca, Aljechin und Euwe gespielt.
Die Weltmeisterschaft im Schach
Von J. Mieses| Titel | Die Weltmeisterschaft im Schach |
|---|---|
| Autor | J. Mieses |
| Zeitraum | 1949 (siehe unten) |
| Seite | 21 |
| Illustration | Zeichnung von Kate Munzer |
| Art | Eigener Artikel |
Woher das Datum stammt
Der Ausschnitt trägt kein Datum. Die Bildunterschrift datiert ihn dennoch: Lasker wäre „im Dezember v. J. 80 Jahre alt geworden". Er wurde am 24. Dezember 1868 geboren – der 80. Geburtstag wäre der Dezember 1948 gewesen. Der Artikel stammt also aus 1949.
Was in dem Artikel steht
Mieses beginnt nicht bei den Weltmeistern, sondern bei der Frage, was Schach überhaupt ist. Es sei „eigentlich nur dem Namen nach ein Spiel"; in der Bedeutung seines geistigen Inhalts erhebe es sich „zur Höhe künstlerischer Betätigung". Nötig seien dafür „scharf logisches, nüchternes Kalkulieren, gepaart mit Intuition, Phantasie und origineller Schaffenskraft". Zugleich sei Schach ein Kampfspiel, eine palaestra ingenii – eine Ringschule des Geistes. Daraus folgt für ihn der sportliche Beigeschmack, den Turniere und Wettkämpfe dem Spiel geben.
1851: der Anfang ohne Titel
Die Ära sportlicher Schachveranstaltungen setzt Mieses auf das Jahr 1851 an, als in London erstmals die besten Spieler Europas zu einem Turnier geladen wurden – von England aus, dem „Mutterlande des ganzen neuzeitlichen Sportlebens". Adolf Anderssen gewann, „womit aber kein besonderer Titel verbunden war". Wer der stärkste lebende Meister sei, blieb danach rund drei Jahrzehnte offen.
Steinitz erfindet den Titel, den er gewinnt
Aktuell wurde die Frage nach Mieses' Darstellung erst „etwa um das Jahr 1885", als Wilhelm Steinitz und Johannes Zukertort allen anderen überlegen waren. Vor ihrem Wettkampf konnte Steinitz erklären, ohne auf Widerspruch zu stoßen:
„Wir kämpfen jetzt die Weltmeisterschaft im Schach aus."
Steinitz siegte – und erwarb damit, wie Mieses trocken anmerkt, einen Titel, „den er eigentlich selbst erst geschaffen hatte". Er verteidigte ihn mehrfach, bis er ihn „fast sechzigjährig" an Emanuel Lasker abgeben musste, damals „ein neu aufgehender Stern ersten Ranges".
Von Lasker bis zum leeren Thron
Lasker hielt den Titel fast drei Jahrzehnte. Erst 1921 gelang es Capablanca, dem „bis dahin unbesiegbar geltenden" Lasker eine Niederlage beizubringen. Capablanca wiederum unterlag 1927 in Buenos Aires Aljechin. Großes Aufsehen erregte 1935 der Sieg des Niederländers Max Euwe – zwei Jahre später holte sich Aljechin den Titel im Revanchekampf zurück.
Danach kam kein weiterer Zweikampf mehr zustande. Durch Aljechins plötzlichen Tod 1946 trat deshalb zum ersten Mal in der Geschichte des Schachs der Fall ein, „dass der Schachthron frei geworden ist". Der Artikel setzt an dieser Stelle zur Erklärung an, wie die FIDE das Problem lösen wollte – mit einem Turnier unter den sechs nach ihrer Bilanz berufensten Großmeistern. Dort bricht der vorliegende Ausschnitt ab; die Fortsetzung lag auf einer weiteren Seite, die nicht überliefert ist.
Zur Einordnung: Das von der FIDE organisierte Turnier fand 1948 in Den Haag und Moskau statt und wurde von Michail Botwinnik gewonnen. Mieses schreibt also über ein Ereignis, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits entschieden war – der Artikel erklärt seinen Lesern die Vorgeschichte dazu.
Mieses als Schachjournalist
Jacques Mieses war nicht nur Spieler, sondern auch ein produktiver Schachautor. Er verfasste zahlreiche Turnierbücher (u.a. das offizielle Buch zu San Sebastián 1911), Lehrbücher bei Reclam, und schrieb regelmäßig Artikel für verschiedene Zeitungen. Seine Analysen und historischen Rückblicke waren bei Lesern sehr beliebt.
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