Ein Leben für das Schachspiel
Ein Leben für das Schachspiel
Oktober 1947| Zeitung | Leipziger Zeitung |
|---|---|
| Zeitraum | Oktober 1947 (siehe unten) |
| Seite | 2 |
| Autor | H.B. |
| Im Bild | Walther Gilbricht, Redaktionsmitglied |
| Art | Interview |
„Jacques Mieses besuchte uns in der Redaktion"
Historischer Kontext
Ein besonderer Moment: Der 82-jährige Mieses kehrte nach Kriegsende in seine Geburtsstadt Leipzig zurück und besuchte die Redaktion der Leipziger Zeitung. Ein emotionales Wiedersehen mit der Stadt, die er Ende 1938 verlassen musste – „rassisch belastet", wie der Artikel im NS-Jargon der Zeit formuliert.
Was Mieses in der Redaktion erzählte
Der Beitrag ist kein gesetztes Interview, sondern ein Redaktionsbericht mit eingestreuten Fragen und Antworten. Gezeichnet ist er mit „H. B."; Walther Gilbricht, der auf dem Foto neben Mieses steht, war Redaktionsmitglied.
Der größte Erfolg
Auf die Frage nach dem größten Erfolg seines Lebens antwortete Mieses ohne Zögern: „Der erste Preis im Turnier in Wien (im Jahre 1907) gegen Spieler wie Schlechter, Maroczy, Vidmar, Tartakower, Spielmann." Dieselbe Auskunft gab er ein Jahr zuvor auch der Leipziger Zeitung für ihren Rückblick auf das Leipziger Schachleben.
Die größten Meister aller Zeiten
Gefragt, wen er für die größten Meister halte, nannte er: „Nicht leicht zu sagen, aber Morphy, Philidor, Steinitz, Anderssen, Lasker, Aljechin gehören gewiß zu ihnen." Auffällig ist, wen er nicht nennt – Capablanca, gegen den er selbst gespielt hatte.
Alte und neue Generation
Ob seine Generation den Vergleich mit den heutigen Meistern aushalte, bejahte er: „Man spielt heute wissenschaftlicher als einst, und die Eröffnungen sind durchforschter. Die Alten würden trotzdem gegen die Heutigen nicht abfallen." Zwei Jahre später wiederholte er dasselbe Urteil fast wörtlich gegenüber den Deutschen Schachblättern.
Eine Prognose, die danebenging
Die Hochburg des internationalen Schachs war für ihn 1947 „unzweifelhaft die Sowjetunion". Dem bevorstehenden Weltmeisterschaftsturnier – Botwinnik, Smyslow, Keres, Reshewsky, Fine und Euwe – sah er „mit größtem Interesse" entgegen und tippte auf Keres. Gewonnen hat es 1948 Botwinnik. Über die Vorgeschichte dieses Turniers schrieb Mieses 1949 selbst einen Artikel.
Ein Treffen, das nicht zustande kam
Zum Schluss vermerkt die Redaktion mit Bedauern, der Besuch sei zu kurz gewesen für einen Plan der Zeitung: Mieses mit Erich Kübart zusammenzubringen, „dem dreifachen Turniersieger dieses Jahres". Über Mieses selbst heißt es zum Abschied nüchtern, der Gang sei „nicht mehr so ganz elastisch" und das Gehör habe nachgelassen – aber mit dem Schachspiel gehe es noch ausgezeichnet, wie er soeben in einem Berliner Simultanturnier bewiesen habe.
Woher das Datum stammt
Der Ausschnitt trägt kein Datum – die Kopfleiste ist am Blattrand abgerissen. Vier Angaben grenzen ihn dennoch ein: Mieses „zählt 82 Jahre" (das war er vom 27. Februar 1947 bis 26. Februar 1948); er ist „inzwischen englischer Bürger geworden" (den Eid leistete er am 18. Juni 1947); das Weltmeisterschaftsturnier steht noch bevor (es begann am 2. März 1948); und seine Deutschlandreise fand im September und Oktober 1947 statt. Bleibt Oktober 1947.
Zum Blatt: Die Leipziger Zeitung war ein Lizenzblatt der Sowjetischen Besatzungszone und erschien nur von 1946 bis 1948. Sie ist nicht mit der heutigen gleichnamigen Zeitung zu verwechseln.