Zum Tode von Alt-Großmeister Jacques Mieses
Ein Nachruf auf Jacques Mieses
Jacques Mieses starb am 23. Februar 1954 in London, kurz vor seinem 89. Geburtstag. Dieser deutschsprachige Nachruf erschien kurz darauf in einer unbekannten Zeitung oder Zeitschrift. Das Kürzel (K. R.) deutet auf Kurt Richter hin, den bekannten Berliner Schachmeister und -journalisten.
Zum Tode von Alt-Großmeister Jacques Mieses
1954Der Nachruf würdigt Mieses als „letzte Säule einer längst vergangenen Epoche". Nach dem Tod des ungarischen Schachidols Géza Maróczy wenige Jahre zuvor war Mieses der letzte lebende Zeuge der internationalen Schachentwicklung seit dem Tod von Wilhelm Steinitz (1900).
Mit seinem Tod am 23. Februar 1954 — kurz vor Vollendung seines 89. Lebensjahres — wurde eine ganze Generation Schachgeschichte.
Eine bisher unbekannte Information: Mieses plante eine Autobiografie mit dem Titel „Sieben Jahrzehnte in der internationalen Schacharena".
Noch etwa zwei Jahre vor seinem Tod — bei einem seiner Besuche in Berlin — war er mitten in den Vorarbeiten zu diesem Werk, das „zweifellos sehr interessant geworden wäre". Doch seine Kraft reichte nicht mehr aus: „das Lebenslicht erlosch langsam, und das Buch blieb unvollendet."
Fünf Weltmeister
Mit Stolz wies Mieses darauf hin, dass er in seiner Laufbahn mit fast allen führenden Meistern der Welt zusammenkam und mit fünf Weltmeistern die Klingen kreuzte:
- Wilhelm Steinitz
- Emanuel Lasker
- José Raúl Capablanca
- Alexander Aljechin
- Max Euwe
Sein aggressiver, schönheitssuchender Stil machte ihn für jeden Gegner gefährlich, auch wenn ihm der Durchbruch zur absoluten Spitze nicht gelang. In Wettkämpfen unterlag er Lasker, Rubinstein, Spielmann und Tarrasch.
„Mehr noch als Dr. Tarrasch war Mieses ein unermüdlicher Propagandist des Schachspiels", der in Artikeln, Schachspalten und Büchern für Caissa warb.
Sein bleibendes Verdienst: Mieses führte die Zeitungs-Schachspalten in Deutschland ein und machte sie populär. Dass heute fast jede Zeitung eine Schachspalte hat, ist nicht zuletzt sein Verdienst.
Noch wenige Monate vor seinem Tod war er literarisch tätig und gab — ein Novum in der Schachgeschichte — in so hohem Alter noch Simultanvorstellungen.
Der Nachruf hebt Mieses' besondere Begabung für das Blindspiel hervor. Er hielt es bei einer Beschränkung auf sechs bis acht Bretter für nicht gesundheitsschädlich.
Als besten Beweis nannte Mieses die Tatsache, dass er noch 1943 mit 78 Jahren in London mit gutem Erfolg blind spielte.
Mieses lebte in Leipzig, war aber oft in Berlin und lernte auf seinen Schachreisen die ganze Welt kennen. 1938, in hohem Alter, musste er seine Heimat verlassen und vor den Verfolgungen des NS-Regimes nach London flüchten.
Doch Deutschland hat er nicht vergessen. Er liebte seine Heimat und weilte nach dem Krieg mehrere Male besuchsweise in Berlin. Auch seine Vaterstadt Leipzig hat er noch einmal wiedergesehen.
Der Autor beschreibt Mieses' „menschliches Verständnis und großzügige Haltung" in Gesprächen
über die schwierige Vergangenheit.
Schach in der Emigration
Das Lehrbuch des Schachspiels
Der Nachruf schließt mit einem Hinweis auf das berühmte Lehrbuch des Schachspiels von Dufresne/Mieses. Nach dem Tod von Jean Dufresne gab Mieses dieses beliebte Lehrbuch mehr als 50 Jahre heraus — es erreichte 17 Auflagen.
Das Kürzel (K. R.) am Ende des Nachrufs deutet auf Kurt Richter (1900–1969) hin:
- Berliner Schachmeister und -journalist
- Bekannt für seinen taktischen, kombinationsreichen Stil
- Autor zahlreicher Schachbücher
- Bearbeitete die 19. Auflage des Dufresne/Mieses-Lehrbuchs
Der persönliche Ton des Nachrufs — „als wir mit ihm bei einem seiner Besuche in Berlin darüber sprachen" — bestätigt die enge Verbindung zwischen Richter und Mieses.
Vergleich mit dem BCM-Nachruf
Auf dieser Webseite liegt auch der englischsprachige Nachruf aus dem
British Chess Magazine (April 1954) vor, der andere Aspekte von Mieses' Leben beleuchtet.
BCM-Nachruf lesen