„Ich spielte mit fünf Weltmeistern!"
Gespräch mit dem ältesten aktiven Schachmeister der Welt
Im Herbst 1949 hielt sich Jacques Mieses für einige Wochen in Berlin auf – zum ersten Mal seit seiner Emigration 1938 wieder für längere Zeit in Deutschland. Anlass war die Arbeit an der 17. Auflage des „Dufresne", jenes Lehrbuchs, das er seit 1901 betreute und das während der NS-Zeit ohne ihn erschienen war. Bei dieser Gelegenheit gab der 84-Jährige den Deutschen Schachblättern dieses Interview.
„Ich spielte mit fünf Weltmeistern!"
Oktober 1949Klicken Sie auf die Bilder zum Vergrößern
| Zeitschrift | Deutsche Schachblätter |
|---|---|
| Ausgabe | 34. Jahrgang, Nr. 10, Oktober 1949 |
| Bearbeiter | Kurt Richter, Berlin-Karlshorst |
| Verlag | Schachverlag Hans Hedewigs Nachf. Curt Ronniger, Leipzig |
| Seiten | Titelseite + Seite 146 |
|---|---|
| Art | Interview |
| Preis (1949) | 1,50 DM vierteljährlich |
Steinitz
Dr. Lasker
Capablanca
Dr. Aljechin
Dr. Euwe
Mieses war nicht nur Spieler, sondern auch Berichterstatter, Organisator und Schachschriftsteller – er kannte diese Meister auf vielen Ebenen.
Was Mieses erzählt
Kurt Richter, der die Deutschen Schachblätter bearbeitete, legte dem Altmeister sechs Themen vor. Die Antworten sind hier zusammengefasst; die wörtlichen Zitate stammen aus dem abgebildeten Original.
Glücksfälle
Ausgerechnet in seiner allerersten Meisterturnier-Partie, in Nürnberg 1888 gegen Louis Paulsen, erlebte Mieses nach eigener Auskunft den größten Glücksfall seiner Laufbahn. Er hatte als Weißer nur noch König und Turm, Paulsen König, Turm und Bauern – ein Endspiel, das nicht zu gewinnen ist. Es endete 1.Kc6 Tf2?? 2.Td8+, und Mieses gewann.
Der zweite Fall stammt aus Baden-Baden 1925. In der Hängepartie gegen Edgard Colle stand sein König im Schach; er entschied sich für Ka1. In der Mittagspause stellte er fest, dass Ka2 weit besser gewesen wäre und sein abgegebener Zug die Partie gefährdete. Er ging „sorgenvoll" zurück an das Brett – und im geöffneten Kuvert stand Ka2.
Blindspiel
An sechs bis acht Brettern hielt Mieses das Blindspiel für unbedenklich; noch 1943, mit 78 Jahren, gab er in London eine Blindvorstellung. Seine Erklärung, warum ihm das gelang, unterscheidet ihn von vielen Kollegen:
„Für mich besteht die Kunst des Blindspiels in der Fähigkeit, sich das Brett plastisch im Kopfe vorzustellen. Andere Meister verlassen sich auf ihr Brettgedächtnis; wie aber soll man da kombinieren können?"
Die Generationen im Vergleich
Auf die Frage, ob früher schwächer gespielt worden sei, antwortete er, seine Generation habe „bestimmt nicht schlechter gespielt als die heutige". Steinitz habe bizarr gespielt, aber nicht ungesund – er gewann mitunter gerade deshalb, weil seine Gegner die Eigenart für einen Fehler hielten und sie zu widerlegen versuchten. Über Lasker, gegen den er 1889/90 selbst angetreten war, bemerkte er, dieser habe nicht den Ehrgeiz gehabt, schon aus der Eröffnung Vorteil zu ziehen; ihm habe genügt, mit gleichen Chancen ins Mittelspiel zu kommen. Und zu Capablanca stellte er klar, dass er das Wort „Schachmaschine" ausdrücklich als Lob verstanden wissen wollte: Hatte dieser erst einmal einen Vorteil, brachte er ihn „mit der Sicherheit einer Maschine zur Geltung". Dessen internationalen Durchbruch hatte Mieses selbst ermöglicht – als Turnierdirektor von San Sebastián 1911.
Russisches Schach
1894 war Mieses vom Moskauer Schachklub für einen Monat eingeladen worden und hatte sich schon damals gewundert, wie viele starke, international unbekannte Spieler er dort antraf. 1949 komme zur Begabung die staatliche Förderung hinzu. Gegen Michail Botwinnik, den amtierenden Weltmeister, hatte er nie gespielt – nach allem, was er gesehen habe, brauche dieser den Vergleich mit seinen Vorgängern jedoch nicht zu scheuen.
Glanzpartien und Schönheitspreise
Die Frage nach seinen Glanzpartien beantwortete Mieses mit einer Gegenfrage – was man denn darunter verstehe. Es gebe Meister, denen in ihrer ganzen Laufbahn kaum eine gelinge; wirkliche Glanzpartien seien selten. Bei den Schönheitspreisen dagegen wurde er deutlich: Er habe, nächst dem 1946 verstorbenen Aljechin, die meisten unter seinen Kollegen aufzuweisen – „ein rundes Dutzend". Diese Selbstauskunft ist der Beleg für die Zahl, die auf diesen Seiten sonst als Schätzung erscheint.
Mieses – Janowski
Wiener Partie 1. Schönheitspreis Paris 1900
Nach seiner Lieblingspartie gefragt, verglich sich Mieses mit einem Vater, der mehrere Lieblingskinder hat – „heute ist nun einmal die folgende in Gunst". Es folgt die vollständige Notation mit seinen eigenen Anmerkungen, darunter der Hinweis, das Damenopfer im 24. Zug sei „völlig korrekt". Die Partie endet, wie er selbst bemerkt, als „Schachpartie ganz ohne — Schach!"
Die Kommentare auf unserer Partieseite stammen aus genau diesem Artikel.
„Wann, Herr Mieses, haben Sie eigentlich aufgehört, auf großen Turnieren zu spielen?"
- Geboren: 27. Februar 1865 in Leipzig
- 1881: Erste Auflage des „Dufresne" (Mieses 16 Jahre)
- 1895: Erstes internationales Turnier Hastings
- 1937: Kemeri-Unfall (9 Monate bettlägerig)
- 1938: Emigration nach Holland und England
- 1945: 50. Jubiläumskongress Hastings