Meisterturnier Ostende 1907
Das größte Rundturnier der Schachgeschichte – Mieses teilt den 3. Platz
Turnier-Überblick
- Datum: 16. Mai – 25. Juni 1907
- Ort: Casino von Ostende, Belgien
- Format: Rundturnier, 29 Teilnehmer (nach Rückzug Johner), 28 Runden
- Sieger: Ossip Bernstein & Akiba Rubinstein (geteilt, je 19½/28)
- Mieses' Ergebnis: Geteilt 3.–4. Platz – 19/28 (mit Nimzowitsch)
- Besonderheit: Größtes All-Play-All auf Spitzenniveau, das je durchgeführt wurde
- Turnierleitung: Leopold Hoffer (Direktor), Eugène de Lannoy (Sekretär), M. Pécher (Präsident)
- Finanzierung: 50.000 Francs Gesamtbudget (Kursaalleitung Ostende); davon 12.000 Fr. Preisgelder Meisterturnier + 7.000 Fr. freie Pension für 30 Teilnehmer
- Preisverteilung: Nach dem Tietz-System
Ein Mammutturnier
Das Turnier von Ostende 1907 war in zwei Sektionen geteilt. Parallel zum Meisterturnier fand das sogenannte „Championship Tournament" statt – ein kleineres Sechsrundenturnier mit Tarrasch, Schlechter, Janowski, Marshall, Burn und Chigorin. Lasker und Maróczy hatten abgesagt. Tarrasch gewann diese Sektion und wurde von den Organisatoren zum „World Champion Tournament Player" ernannt – was 1908 endlich zum lang ersehnten WM-Match gegen Lasker führte.
Das Meisterturnier war mit 29 Teilnehmern das größte Rundturnier auf Spitzenniveau in der Schachgeschichte. Sechs Wochen lang, vom 16. Mai bis 25. Juni, kämpften die Meister im eleganten Casino von Ostende. Kein vergleichbares All-Play-All-Turnier dieser Größenordnung wurde je wieder auf diesem Niveau ausgetragen.
Endstand Meisterturnier
Bernstein und Rubinstein teilten sich den ersten Preis – ein Stichkampf wurde nicht ausgetragen.
| Platz | Spieler | Punkte |
|---|---|---|
| 1.–2. | Dr. Ossip Bernstein | 19½ |
| 1.–2. | Akiba Rubinstein | 19½ |
| 3.–4. | Jacques Mieses | 19 |
| 3.–4. | Aron Nimzowitsch | 19 |
| 5. | Forgács | 18½ |
| 6. | Richard Teichmann | 18 |
| 7. | Oldřich Duras | 17½ |
| 8.–9. | Georg Marco | 16½ |
| 8.–9. | Salwe* | 16½ |
| 10.–11. | John | 16 |
| 10.–11. | Savielly Tartakower | 16 |
| 12.–14. | Erich Cohn | 15 |
| 12.–14. | Snosko-Borowski | 15 |
| 12.–14. | Rudolf Spielmann | 15 |
| 15. | Joseph Blackburne | 14½ |
* Quellendiskrepanz: Die TfS (Juni 1907, S. 155) nennt Salwes Punktzahl als 17, das BCM (Juli 1907, S. 329) als 16½. Hier nach BCM.
| Platz | Spieler | Punkte |
|---|---|---|
| 16. | Dr. Julius Perlis | 13½ |
| 17. | Swiderski | 13 |
| 18.–19. | Süchting | 12½ |
| 18.–19. | Shories | 12½ |
| 20.–21. | Billecard | 12 |
| 20.–21. | Wilhelm Cohn | 12 |
| 22. | Paul Leonhardt | 11½ |
| 23.–24. | Metger | 11 |
| 23.–24. | von Schewe | 11 |
| 25.–26. | Lee | 9½ |
| 25.–26. | Shoosmith | 9½ |
| 27.–28. | Jakob | 8½ |
| 27.–28. | van Vliet | 8½ |
| 29. | James Mortimer | 5 |
Johner zog nach 6 Runden zurück und wird in der offiziellen Tabelle nicht geführt.
Mieses' dramatischer Turnierverlauf
Ergebnis: Geteilt 3.–4. Platz – 19 aus 28
Zum Vergleich: Turniersieger Bernstein verlor ebenfalls 5 Partien.
Das BCM (Juli 1907) notierte, die britische Schachmeinung hätte vor dem Turnier Mieses, Teichmann, Rubinstein, Bernstein und Marco als Anwärter auf die vordersten Plätze ausgewählt – wobei Mieses als erster der fünf Favoriten genannt wurde. Sein gewachsenes Renommee nach dem Wien-Sieg war offensichtlich.
Mieses startete furios in das Turnier: Mit 13 Punkten aus den ersten 16 Partien führte er das Feld über weite Strecken an. Dann brach er in der Schlussphase ein. Das BCM benennt die entscheidenden Niederlagen konkret: Van Vliet (27.–28. Platz), Billecard (20.–21. Platz) und Salwe (8.–9. Platz). Während Salwe ein respektabler Spieler war, sind die Verluste gegen die deutlich schwächeren Van Vliet und Billecard nur schwer zu erklären. Die Nutznießer waren Rubinstein und Bernstein, die sich in der Endphase an die Spitze schoben und den Sieg teilten.
Das BCM (Juli 1907, S. 327) beschrieb Mieses’ Spielqualität in Ostende: Scheinbar ohne Anstrengung seinerseits entstünden Stellungen, in denen etwas getan werden könne – und dann tue Mieses es. Sein üblicher Stil sei „easy and graceful“ – mühelos und elegant.
Selbst mit 7 Niederlagen reichte es für den geteilten 3. Platz – ein Zeichen für die Stärke seiner guten Partien. Dieser dramatische Verlauf – brillanter Start, Einbruch am Ende – ist quintessentieller Mieses: ein Spieler, der in Hochform kaum zu schlagen war, aber die Konstanz über sechs Wochen nicht aufrechterhalten konnte.
Partie aus diesem Turnier
Mieses – Znosko-Borovsky 1-0 (Runde 17, 7. Juni 1907)
In Runde 17 besiegte Mieses den russischen Meister Eugene Znosko-Borovsky mit der Wiener Partie in nur 30 Zügen. Edward Winter nannte diese Partie „vintage Mieses" – ein klassisches Beispiel für seinen gefürchteten Angriffsstil mit schneller Figurenentwicklung und direktem Königsangriff.
Wiener Partie (C28) · 30 Züge · Datum laut Edward Winter: 7. Juni 1907
Partie ansehenPartie aus diesem Turnier
Erleben Sie Mieses' Angriff gegen Znosko-Borovsky mit unserem interaktiven Schachviewer:
Mieses vs. Znosko-Borovsky ansehenHistorische Bedeutung
Ostende 1907 markiert den ersten großen Triumph Akiba Rubinsteins auf internationalem Parkett – der Beginn einer Karriere, die ihn in den folgenden Jahren zum stärksten Spieler der Welt machen sollte. Für Aron Nimzowitsch, gerade 20 Jahre alt, war der geteilte 3. Platz ein Durchbruch: Erste Anzeichen des späteren Hypermodernismus waren in seinen Partien bereits erkennbar.
Eine amüsante Episode illustriert die gesellschaftliche Atmosphäre: Der 20-jährige Nimzowitsch durfte wegen seines jugendlichen Alters nicht in die Räumlichkeiten des exklusiven Club Privé eingelassen werden – obwohl er als Turnierteilnehmer dort spielen musste. Das BCM nannte ihn „the boy outside“.
James Mortimer, mit 78 Jahren der älteste Teilnehmer und Tabellenletzte (5/28), behauptete in seinem launigen BCM-Bericht, er habe gegen Bernstein, Mieses und Nimzowitsch Gewinnstellungen gehabt – die vier Spieler belegten anschließend die Plätze 1–4.
Das Turnier verdeutlicht den Generationenkonflikt, der das Schach der Jahrhundertwende prägte. Die klassischen Meister – Marco, Mieses, Teichmann – standen einer jungen Generation gegenüber, die das Spiel neu definieren würde: Rubinstein, Bernstein, Nimzowitsch, Tartakower. Dass Mieses in diesem Feld den 3. Platz belegte, unterstreicht seine anhaltende Weltklasse auch im 42. Lebensjahr.
Das Championship Tournament
Parallel zum Meisterturnier fand die kleinere Championship Section statt. Tarrasch' Sieg führte direkt zum WM-Match 1908 gegen Lasker.
- Siegbert Tarrasch – 12½
- Carl Schlechter – 12
- Dawid Janowski – 11½
- Frank Marshall – 11½
- Amos Burn – 8
- Mikhail Chigorin – 4½
Die Preisverteilung erfolgte nach dem Tietz-System, mit einer Gesamtsumme von 12.000 Francs: Tarrasch 2.603½ Fr., Schlechter 2.277½ Fr., Janowski und Marshall je 1.950½ Fr., Burn 779½ Fr., Tschigorin 438½ Fr.
Quellen und Literatur
- British Chess Magazine, Juli 1907, S. 313–316 (Mortimer: „Impressions and Souvenirs“)
- British Chess Magazine, Juli 1907, S. 327–329 (Meisterturnier-Bericht, Mieses-Stilzitat)
- Tidskrift för Schack, Mai 1907, S. 130 (Teilnehmerliste, Stand nach 6 Runden)
- Tidskrift för Schack, Juni 1907, S. 155 (Endergebnis)
- (Neue) Wiener Schachzeitung, Jg. 1907, Nr. 1/2, S. 24 (Budget, Organisation)
- American Chess Bulletin, 1907, S. 152 (Endergebnis, kein Stichkampf)
- Winter, Edward: Chess Notes, C.N. 127, 566 (chesshistory.com) (Znosko-Borovsky-Partie)
Weitere Turniere
3. Platz – Meisterturnier-Debüt Hastings 1895
Turnier des Jahrhunderts Berlin 1897
3. Platz – Heimerfolg Wien 1898
Kaiserjubiläum Monte Carlo 1903
7. Platz Cambridge Springs 1904
8.–9. Platz Wien 1907
1. Platz – Größter Turniersieg! Ostende 1907
3.–4. Platz – Weltklasse-Event San Sebastián 1911
Mieses als Organisator Liverpool 1923
1. Platz – Turniersieg! Baden-Baden 1925
Neuanfang nach dem Krieg Kemeri 1937
Das schicksalhafte Turnier Schacholympiaden
London 1927 · Prag 1931