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Wien 1907 – 1. Trebitsch-Memorial

1. Trebitsch-Memorial – Wien 1907

Mieses' größter Turniersieg – 1. Platz mit 10 aus 13

Turnier-Überblick

  • Datum: 10.–26. Januar 1907
  • Ort: Wiener Schachklub, Wien, Österreich-Ungarn
  • Format: Rundturnier, 14 Teilnehmer, 13 Runden
  • Stifter: Familie Leopold Trebitsch (100.000 Kronen)
  • Sieger: Jacques Mieses – 10/13 (+9 =2 −2)

Ursprünglich waren 16 Teilnehmer geplant. Georg Marco musste wegen Zeitnot verzichten; Leo Fleischmann (Budapest) zog wenige Minuten vor Turnierbeginn aus Berufsrücksichten zurück. Ladislav Prokeš trat als Ersatz ein. (WSZ Nr. 1/2, 1907, S. 4)

Der größte Triumph

Das erste Trebitsch-Memorial markiert den Höhepunkt von Mieses' Turnierkarriere. Mit 10 Punkten aus 13 Partien besiegte der 41-jährige Mieses ein Feld aufstrebender Jungstars. Zusammen mit dem Sieg in Liverpool 1923 ist es einer von nur zwei Siegen bei einem bedeutenden internationalen Turnier.

Die Wiener Schachzeitung berichtet, dass Maróczy und Schlechter als die „heißesten Favorits" galten. Mieses' Sieg kam als Überraschung – er war kein Vorturniersfavorit, sondern setzte sich gegen die beiden Topgesetzten durch.

Leopold Trebitsch (1842–1906), wohlhabender Wiener Seidenfabrikant und Schachmäzen, hatte dem Wiener Schachklub die beträchtliche Summe von 100.000 Kronen für eine Turnierserie gestiftet. Da Trebitsch einen Monat vor dem ersten Turnier starb, wurde die Serie zu seinem Gedenken benannt. Zwischen 1907 und 1938 fanden insgesamt 20 Trebitsch-Turniere statt.

Mieses spielte mit dem Dänischen Gambit und der Wiener Partie als Weiß, als Schwarz mit der Skandinavischen Verteidigung – stets auf der Suche nach taktischen Ungleichgewichten. Seine Chessmetrics-Performance erreichte 2740 Elo-Punkte.

Adolf Zinkl porträtierte Mieses am Tag nach dem Turnierende in der Neuen Freien Presse (28. Januar 1907): Er habe während sechzehn Jahren „höchst ungleichmäßig" gestritten, selten hohe Preise gewonnen, „sich aber immer durch elegante Angriffsführung ausgezeichnet, erzielte die meisten Glanzpartien und zählte zu den gefürchtetsten Meistern."

Neue Freie Presse, 28. Januar 1907, zitiert in WSZ Nr. 1/2, S. 4–5

Endstand

Platz Spieler Nationalität Punkte
1 Jacques Mieses Deutsches Reich 10
2 Oldřich Duras Böhmen 9
3.–5. Géza Maróczy Ungarn
3.–5. Savielly Tartakower Galizien
3.–5. Milan Vidmar Slowenien
6 Carl Schlechter Österreich
7.–8. Johann Berger Österreich (Graz)
7.–8. Julius Perlis Österreich (Wien)
9.–11. Giovanni Martinolich Triest 6
9.–11. Rudolf Spielmann Österreich (Wien) 6
9.–11. Heinrich Wolf Österreich 6
12 Adolf Albin Rumänien/Wien 3
13 Leopold Löwy Österreich (Wien) 3
14 Ladislav Prokeš Böhmen 2

Edward Winter weist darauf hin, dass einige ältere Quellen Tartakower fälschlich nur 8 Punkte zuschreiben. Laut Wiener Schachzeitung (Mai–Juni 1907, S. 183–184) gewann Tartakower jedoch seine Partie gegen Martinolich. Korrekt sind 8½ Punkte.

Das Teilnehmerfeld

Wien 1907 vereinte zwei Generationen: die etablierten Meister Schlechter und Maróczy auf der einen Seite, eine neue „Sturm und Drang"-Generation auf der anderen. Duras, Vidmar und Tartakower – alle Anfang zwanzig – galten als die Zukunft des Schachs. Für Tartakower war es das internationale Debüt.

  • Jacques Mieses (Deutsches Reich) – Sieger, 41 Jahre
  • Oldřich Duras (Böhmen) – aufstrebender Angriffsspieler; blieb als einziger ohne Verlustpartie
  • Géza Maróczy (Ungarn) – ehemaliger Weltklassespieler
  • Savielly Tartakower (Galizien) – internationales Debüt
  • Milan Vidmar (Slowenien) – Ingenieur und Meister
  • Carl Schlechter (Österreich) – Wiener Lokalmatador
  • Rudolf Spielmann (Österreich) – Angriffsspezialist
  • Heinrich Wolf (Österreich) – Wiener Schachklub

Schlechter und Maróczy – die „grand panjandrums" des Wiener Schachs – wurden von der jungen Generation überflügelt. Dass ausgerechnet der Außenseiter Mieses das Feld anführte, überraschte die Schachwelt.

Mieses' Ergebnis

1. Platz – 10 aus 13 (+9 =2 −2)

Performance: 2740 (Chessmetrics)

Historische Elo: ca. 2595 – Top 10 der Welt

Anmerkung: Die Wiener Schachzeitung berichtet von „zehn Gewinnpartien", was bei 10 Punkten aus 13 Partien auf +10 =0 −3 hindeuten würde. Das Gillam-Turnierbuch (Vienna 1907, 1994) könnte hier Klarheit schaffen.

Die Entscheidung am letzten Tag

Bis zur Schlussrunde war der Ausgang offen: „Mieses oder Düras" – so die Wiener Schachzeitung. Am letzten Tag besiegte Mieses „sogar den Wiener Vorkämpfer Schlechter" und erreichte damit zehn Gewinnpartien. Duras konnte gegen den 61-jährigen Altmeister Berger nur remisieren. Das British Chess Magazine gratulierte: Es sei das erste Mal, dass Mieses ein derart wichtiges Turnier gewonnen habe.

Das Abschiedsbankett (27. Januar 1907)

Einen Tag nach der letzten Runde gab der Wiener Schachklub ein Abschiedsbankett. Freiherr Albert von Rothschild, Ehrenpräsident des Klubs, feierte Mieses und Duras. Im Namen aller Meister dankte Mieses „in längerer launiger Rede" – einer der seltenen Belege für seine Persönlichkeit jenseits des Schachbretts. Vizepräsident Dr. Franz Liharzik kündigte ein großes internationales Turnier für 1908 zum Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs an.

Ein Jahr, drei Gesichter

Das Jahr 1907 zeigt Mieses in seiner ganzen Widersprüchlichkeit:

  • Wien (Januar): 1. Platz – 10/13
  • Ostende (Sommer): Geteilt 3.–4. Platz – 19/28
  • Karlsbad (Herbst): Geteilt 16.–18. Platz

„Dieses Muster – genial in guten Tagen, schwach in schlechten – war Mieses' Stärke und Schwäche zugleich."

Ostende 1907 →

Die Schönheitspreise des Turniers (gestiftet von Freiherr Albert von Rothschild: 150 und 100 Kronen) gingen an Duras (Partie gegen Spielmann) und Schlechter (Partie gegen Maróczy). Mieses – der Turniersieger, bekannt für seine Angriffspartien – ging leer aus. Jury: Fähndrich, Fleissig, Marco.

Quellen und Literatur

  • (Neue) Wiener Schachzeitung, Jg. 1907, Nr. 1/2, S. 3–13 (Turnierbericht, Teilnehmerporträts, Abschiedsbankett)
  • Wiener Schachzeitung, Mai–Juni 1907, S. 183–184 (Endstand, Tartakower-Korrektur)
  • Neue Freie Presse, 28. Januar 1907 (Zinkl-Porträt)
  • British Chess Magazine, März 1907, S. 118–119 (Gratulation, Duras ohne Verlust)
  • Gillam, A.J. (Hrsg.): Vienna 1907. Nottingham, 1994. 81 Partien
  • Lachaga, José: 20 Trebitsch-Gedenkturniere Wien 1907–1938. Buenos Aires, 1968
  • Winter, Edward: Chess Notes, C.N. 127/566 (Tartakower-Korrektur)