27. Februar 1865 – 23. Februar 1954
Jacques Mieses gehört zu den bemerkenswertesten Persönlichkeiten der Schachgeschichte. Mit einer aktiven Turnierkarriere von 60 Jahren hält er bis heute den Rekord für die längste Laufbahn eines Schachmeisters.
Geboren wurde er als Jakob Mieses in Leipzig, als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die ursprünglich aus Brody stammte – einer Stadt, die damals zu Österreich-Ungarn gehörte und heute in der Ukraine liegt. Das Schachspiel lag der Familie gewissermaßen im Blut: Sein Onkel Samuel Mieses hatte das königliche Spiel von niemand Geringerem als Adolf Anderssen persönlich erlernt, und auch sein Vetter Viktor machte sich später als Schachproblemkomponist einen Namen.
Frühe Jahre und Ausbildung
Jacques Mieses besuchte zunächst die Bürgerschule am Augustusplatz in Leipzig, später das renommierte Thomasgymnasium. Sein Vater Julius berichtete in seinen Aufzeichnungen, dass der junge Jacques anfangs ein „lebhafter Windfang" gewesen sei, der seinen Lehrern einiges abverlangte. Doch in den höheren Klassen wandelte sich das Bild: Mit ausgezeichneter Auffassungsgabe und Begabung legte er sein Abitur cum laude ab und erhielt sogar eine Prämie.
Nach dem Gymnasium studierte Mieses Naturwissenschaften – Physik und Chemie – an den Universitäten Leipzig und Berlin. Doch das akademische Leben konnte ihn nicht dauerhaft fesseln. Das Schachspiel, dem er sich seit seinem fünfzehnten Lebensjahr widmete, sollte sein wahrer Lebensinhalt werden.
„Er lernte auch Gabelsberger Stenographie, wurde ein vorzüglicher Stenograph, auch verschiedene Spiele lernte er leicht, namentlich das ernste Schachspiel, worin er hervorragend sich hervortat."
Die Schachkarriere
Aufstieg zum Meister
Bereits mit 17 Jahren sorgte Mieses für Aufsehen, als er 1882 die Berliner Stadtmeisterschaft gewann. Ein Jahr zuvor hatte die Deutsche Schachzeitung bereits einen Dreizüger des jungen Talents veröffentlicht. Seine internationale Karriere begann 1888 beim Turnier in Leipzig, wo er hinter von Bardeleben und Riemann den dritten Platz belegte – und dabei namhafte Spieler wie Paulsen und Tarrasch hinter sich ließ.
Den größten Turniererfolg feierte Mieses 1907 in Wien, als er das erste Trebitsch-Memorial gewann. Im selben Jahr erreichte er beim großen Meisterturnier in Ostende den geteilten dritten Platz. Zu dieser Zeit zählte er mit einer historischen Elo-Wertung von 2595 zu den zehn besten Spielern der Welt.
- 1882: Berliner Stadtmeisterschaft (1. Platz)
- 1888: Leipzig, internationales Turnier (3. Platz)
- 1907: Wien, Trebitsch-Memorial (1. Platz)
- 1907: Ostende, Meisterturnier (3.–4. Platz)
- 1946: Hastings (Schönheitspreis mit 80 Jahren!)
- 1948: Stockholm (3. Platz mit 83 Jahren)
Spielstil und Gegner
Mieses war der letzte prominente Vertreter der „romantischen" Schachschule des 19. Jahrhunderts. Seine Angriffslust, sein Gespür für taktische Wendungen und seine glänzende Kombinationsgabe machten ihn für selbst die stärksten Spieler seiner Zeit zu einem gefährlichen Gegner. Mit seiner überfallartigen Spielweise gewann er spektakuläre Kurzpartien und errang mehr Schönheitspreise als fast jeder andere Spieler – nur Aljechin übertraf ihn in dieser Hinsicht.
Im Laufe seiner langen Karriere trat Mieses gegen praktisch alle bedeutenden Schachmeister seiner Epoche an: die Weltmeister Steinitz, Lasker, Capablanca, Aljechin und Euwe ebenso wie Tarrasch, Marshall, Rubinstein, Nimzowitsch und Spielmann. Gegen jeden von ihnen konnte er mindestens einmal gewinnen.
Vermächtnis im Schach
Nach ihm benannte Eröffnungen
Mieses hinterließ bleibende Spuren in der Eröffnungstheorie. Gleich drei Varianten tragen seinen Namen:
- Mieses-Eröffnung (1.d3) – eine flexible, hypermoderne Spielweise
- Mieses-Variante in der Schottischen Partie (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4 exd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sxc6 bxc6 6.e5) – von Kasparow 1990 im WM-Kampf eingesetzt
- Mieses-Gambit in der Skandinavischen Verteidigung (1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Da5 4.b4)
Als Autor und Publizist
Neben seiner Spielerkarriere machte sich Mieses als einer der bedeutendsten Schachautoren seiner Zeit einen Namen. Über 40 Titel zum Schachspiel verzeichnet der Katalog der Deutschen Bücherei von ihm.
Sein bekanntestes Werk ist das „Lehrbuch des Schachspiels", das er in der Nachfolge von Jean Dufresne über 50 Jahre lang betreute. In der 29. Auflage ist es bis heute eines der erfolgreichsten Schachlehrbücher weltweit. Daneben schrieb er Schachspalten für Zeitungen in ganz Europa, darunter das Berliner Tageblatt und die Leipziger Neueste Nachrichten.
Blindschach und Simultanvorstellungen
Mieses galt als einer der herausragenden Blindspieler seiner Generation. In einer legendären Leistung absolvierte er binnen fünf Tagen insgesamt 99 Blindpartien, von denen er 71 gewann und 28 remisierte – ohne eine einzige Niederlage. Auch bei Simultanvorstellungen war er ein gefragter Gast und bereiste dafür ganz Europa.
Als Organisator setzte er 1911 beim Turnier in San Sebastián Maßstäbe: Er bestand erstmals darauf, dass die Meisterspieler nicht selbst für Anreise und Unterkunft aufkommen mussten. Dieses Turnier ging auch als das Debüt des jungen José Raúl Capablanca in die Geschichte ein, der zur Überraschung aller den ersten Platz belegte.
Emigration und späte Jahre
Bis zu seiner Emigration lebte Mieses in der Christianstraße 19 im Leipziger Waldstraßenviertel. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten zwang ihn als Juden schließlich zur Flucht. Nach der Reichspogromnacht 1938 emigrierte er im Alter von 73 Jahren nach England – mit nur 15 Reichsmark in der Tasche.
In seiner neuen Heimat ließ sich Mieses jedoch nicht unterkriegen. Er spielte weiter Turniere, gab Simultanvorstellungen und nahm Ende der 1940er Jahre die britische Staatsbürgerschaft an. Als die FIDE 1950 erstmals den Großmeistertitel vergab, gehörte Mieses zu den 27 Spielern, die diese Ehre erhielten – als Ältester unter ihnen. Technisch gesehen wurde er damit zum ersten britischen Großmeister der Geschichte. Der erste in Großbritannien geborene Großmeister war übrigens Tony Miles.
- 60 Jahre aktive Turnierkarriere (1888–1948) – bis heute unübertroffen
- Über 60 Turniere und mehr als 20 Wettkämpfe
- Ältester Großmeister bei der ersten FIDE-Titelvergabe 1950
- Schönheitspreis mit 80 Jahren beim Turnier in Hastings 1946
Der Mensch Jacques Mieses
Mieses blieb bis ins hohe Alter erstaunlich vital. Jeden Tag absolvierte er seine Freiübungen, ging noch mit 86 Jahren täglich schwimmen und machte im Hyde Park Liegestütze. Mit 88 Jahren nahm er noch an der Londoner Blitzmeisterschaft teil und zeigte reges Interesse an allem, was in der Welt geschah.
Bekannt war Mieses auch für seinen Witz und seine Schlagfertigkeit. Als ihn ein Amerikaner bei einem Turnier in New York fragte „Are you Mister Meises?", antwortete er prompt: „No, I am Meister Mieses!" Bei seinem letzten Turnier in Stockholm 1948, wo er als 83-Jähriger den dritten Platz belegte, musste er gegen den 84-jährigen Holländer van Foreest spielen. Nach seinem Sieg kommentierte er verschmitzt: „Die Jugend hat triumphiert!"
Jacques Mieses starb am 23. Februar 1954 in London, nur vier Tage vor seinem 89. Geburtstag und wurde auf dem East Ham Jewish Cemetery Friedhof begraben. Er hinterließ ein Vermächtnis, das weit über seine Partien und Bücher hinausreicht: das Bild eines Menschen, der dem Schachspiel sein ganzes Leben widmete und dabei niemals seine Lebensfreude verlor.
Zeittafel
| 1865 | Geburt in Leipzig am 27. Februar |
| 1879 | Beginn mit dem Schachspiel im Alter von 14 Jahren |
| 1882 | Gewinn der Berliner Stadtmeisterschaft mit 17 Jahren |
| 1888 | Internationales Debüt beim Turnier in Leipzig |
| 1895 | Teilnahme am legendären Turnier in Hastings |
| 1907 | Größter Turniererfolg: Sieg beim Trebitsch-Memorial in Wien |
| 1911 | Organisation des Turniers in San Sebastián |
| 1938 | Emigration nach England nach der Reichspogromnacht |
| 1946 | Schönheitspreis in Hastings mit 80 Jahren |
| 1948 | Letztes Turnier in Stockholm (3. Platz mit 83 Jahren) |
| 1950 | Verleihung des Großmeistertitels durch die FIDE |
| 1954 | Tod in London am 23. Februar, vier Tage vor seinem 89. Geburtstag |